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Lindners Fall : Dicke Bretter denken

Diener zweier Herren: Christian Lindner hat seine Rücktrittserklärung verlesen

Diener zweier Herren: Christian Lindner hat seine Rücktrittserklärung verlesen Bild: AFP

Christian Lindner galt als Wunderkind und enttäuschte dann manche in der Partei. Zu sehr Philosoph, zu wenig Handwerker. Dem Absturz der FDP folgt nun sein Abschied.

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          „Auf Wiedersehen“. Das waren die letzten öffentlichen Worte, die der FDP-Politiker Christian Lindner als Generalsekretär sprach. Er beschloss damit eine Amtszeit von knapp zwei Jahren, die anfangs begleitet war von hymnischer Hoffnung und geendet hatte in weitverbreiteter Enttäuschung über einen politischen Wunderjungen. Lindner zog die Konsequenz aus dem seit Monaten immer schlechteren Verhältnis zu seinem Parteivorsitzenden Philipp Rösler. Sein Generationsgenosse war im Frühjahr nur deshalb FDP-Vorsitzender geworden, weil der sechs Jahre jüngere Lindner es sich noch nicht zugetraut hatte. Und nun sind nicht wenige skeptisch, ob Rösler es sich wirklich hätte zutrauen sollen.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Jedenfalls hatte Lindner das bald zu denken gegeben, als Rösler das meiste nicht tat, was ein neuer FDP-Vorsitzender seiner Meinung nach tun sollte. Etwa den Außenminister auswechseln. Zurückgetreten ist Lindner auch, weil er nicht bloß mitverantwortlich ist für eine Reihe entsetzlicher Wahlniederlagen, sondern auch für die Organisationsdellen, unter denen die soeben beendete FDP-Mitgliederbefragung zum dauerhaften Euro-Rettungsmechanismus ESM zu leiden hatte.

          Begabung zum Grundsätzlichen

          Immer öfters war zuletzt zu hören, Lindner gehe die Dinge zu intellektuell an, sei zu sehr Philosoph und zu wenig Handwerker. Oft schwang darin die Häme politischer Bauarbeiter mit, die den Programmarchitekten belächelten, wenn der mal selbst zur Schaufel greifen muss. Oder zum Hammer. Dabei hatte die FDP doch die simplen Parolen (“Mehr Netto vom Brutto“) so sattgehabt und sich anfangs geradezu daran berauscht, dass ein damals dreißig Jahre alter Politprophet sich aufmachte, der Partei das Nachdenken über den Liberalismus neu zu ermöglichen.

          Der talentierte Lindner erstaunte zunächst Parteifreunde und politische Konkurrenten mit virtuoser Sprachfertigkeit und einer Begabung zum Grundsätzlichen, die man in der FDP lange nicht erlebt hatte. Es schien daher Ende 2009 seine Idealaufgabe zu werden, gemeinsam mit der Partei ein neues Grundsatzprogramm zu erarbeiten. Dass damit auch ein verändertes Selbstverständnis der Liberalen einhergehen würde, das hatte er dem damaligen Parteivorsitzenden Westerwelle schon vorab deutlich gemacht. Mit Lindner sollte die FDP wieder mehr werden als die Steuersenkungspartei, auf die sie Westerwelle beim Wähler erfolgreich, aber in der Koalition aussichtslos verengt hatte.

          An diesem Auftrag hielt Lindner auch dann noch fest, als er längst von anderen Notwendigkeiten überlagert wurde. Die FDP geriet erst ins Trudeln wegen Spendenvorwürfen (“Mövenpick“), missratenen Auftritten Westerwelles (Stichwort: Reisebegleitung) und uneingelösten Steuerversprechen und dann, von Anfang 2011 an, in freien Fall zunächst bei Meinungsumfragen, ab März dann auch bei den Landtagswahlen. Seit einem halben Jahr sitzt die Partei nun mit Rösler und Lindner im demoskopischen 3-Prozent-Loch, seit Wochen beschäftigt sie sich überwiegend mit einer innerparteilichen und zunehmend bitter geführten Diskussion um den Euro-Kurs.

          So lustlos, wie sie waren

          Kolloquien und Talkrunden mit Philosophen und Professoren inszenierte der schlanke Degenfechter Lindner auch dann noch, als in der Partei längst schon die Sehnsucht nach einem bulligen Abwehrspieler gegen Angriffe aus dem Koalitionsinneren reifte und das Bedürfnis nach wohlorganisierten Kampagnen der Parteizentrale wuchs, um dem wachsenden Verdruss in den Landesverbänden entgegen zu treten. Die ihm abverlangten Holzereien gegen die politische Konkurrenz, zu denen er sich per Pressemitteilung verpflichtet fühlte, wirkten dabei so lustlos, wie sie waren.

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