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Christian Lindner : Demut unter der Dusche

„Der Wahlkampf ist vorbei“:Christian Lindner (FDP) mit Katrin Göring-Eckardt (Grüne) am Donnerstag in Berlin Bild: Getty

Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.

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          Voyeurismus ist verpönt. Igitt! Wer will schon wissen, wie es hinter den Duschvorhängen der Politik aussieht? Daher schiebt Klett-Kotta-Geschäftsführer Tom Kraushaar am Donnerstag gleich voraus, dass das Buch, das er vorstellt, keinerlei voyeuristische Aspekte enthalte, auch wenn das den ein oder anderen der etwa fünfzig vor ihm sitzenden Journalisten enttäuschen könnte. Das Buch heißt: „Schattenjahre. Die Rückkehr des politischen Liberalismus“. Oder heißt es: „Christian Lindner“? Immerhin prangt dessen Name in genauso großen und ebenso magentafarbenen Lettern wie der Titel auf dem Umschlag. Der besteht ansonsten aus einem Foto des FDP-Vorsitzenden. Er schaut darauf ernst, eine Spur unsicher, aber doch entschlossen nach vorne, angeschoben von der Sonne, deren Strahlen ihn Richtung Zukunft zu leiten scheinen. Mit ein bisschen bösem Willen kann man darin einen Heiligenschein erkennen.

          Was ist eigentlich aus dem Liberalismus geworden?

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Voyeuristisch ist also nichts? Man muss sich bis auf Seite zwölf vorarbeiten (die Nummerierung beginnt auf Seite neun), bis man Lindner unter der Hoteldusche wiederfindet. Es ist Sonntag, der 22. September 2013, 15 Uhr. Lindner weiß bereits, dass seine Partei erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik den Einzug in den Bundestag verpassen wird. Bevor er zu der um 17 Uhr beginnenden Sitzung des Parteipräsidiums fährt, duscht er in einem Berliner Hotel. An dieser Stelle wird der Leser eins mit der Zeitgeschichte: „Unter der Dusche traf ich die Entscheidung: Ich mache es.“ Da beschloss also der 34 Jahre alte FDP-Mann, seine am Boden liegende Partei wieder aufrichten zu wollen und mit ihr gleich den organisierten Kernbestand des Liberalismus.

          Zu diesem Zeitpunkt war es schon zwei Jahre her, dass Lindner Kraushaar „erschienen“ war, wie der Verleger es erzählt. Weil er weiß, wie das klingen kann, fügt er hinzu, man möge nun nicht an etwas Religiöses denken. Lindner sei lediglich auf einem Fernsehbildschirm in einer Heidelberger Bar erschienen, weil er gerade seinen Rücktritt vom Posten des Generalsekretärs verkündet habe. Kraushaar und ein paar Kollegen stellten sich daraufhin die Frage, was eigentlich aus dem Liberalismus geworden sei, und sie beschlossen, Lindner um das Verfassen eines kleinen, eher essayistischen Büchleins zu bitten. Dann dauerte es wiederum zwei Jahre, bis Kraushaar und Lindner im Café „Einstein“ in Berlin saßen und über das Buchprojekt sprachen. Er habe Lindner, sagte Kraushaar am Donnerstag, für einen Intellektuellen gehalten und – so fügt er schnell an – tue das noch, weshalb er damals das essayistische Buch über den Liberalismus hätte haben wollen. Als Lindner das hört, hebt er die Augenbrauen und stößt hörbar etwas Luft aus.

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          Wie auch immer: Mit dem rein intellektuellen Nachdenken über den Liberalismus wurde es nichts, sondern es landeten gut 300 Seiten einer Mischform zwischen den Buchdeckeln: Lindner beschreibt den Absturz der FDP nach der Bundestagswahl 2013 und ihren Wiederaufstieg und vermengt das mit Ausführungen seiner Vorstellung von Liberalismus. Etwa so: „Zu den liberalen Tugenden gehört auch die Übernahme von Verantwortung.“ Der Staat könne und dürfe nicht alles mit Gesetzen vorgeben. „Anders gesagt: Eine Freiheit, die nicht auch im Einzelfall missbraucht werden kann, ist keine Freiheit. Als sittliches Prinzip muss ihr aber die Zuweisung und Übernahme von Verantwortung gegenüberstehen.“

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