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Lindau und sein Bahnhof : Emotionale Rationalitäten

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Keine Insel der Glückseligen: Im beschaulichen Lindau gibt es Streit um den Hauptbahnhof Bild: dpa

In Lindau am Bodensee sollte der Bahnhof von der Insel aufs Festland verlegt werden. Aus unterschiedlichen Gründen gab es Widerstand. Bis Ende des Monats wird nun ein - nicht von Heiner Geißler stammender - Kompromissvorschlag geprüft.

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          Die parteilose Lindauer Oberbürgermeisterin Petra Meier to Bernd-Seidl residiert – es passt kein anderes Wort – in einem ehemaligen Sommersitz des Hochadels direkt am Ufer des Bodensees. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) ist in seinem Amtszimmer in der Münchner Staatskanzlei vergleichsweise bescheiden – wenn auch immer noch erträglich – untergebracht.

          Der Gedanke, dass die Lindauer Oberbürgermeisterin das schönste Amt in Bayern versieht, liegt nahe – und träfe vielleicht auch zu, wenn es nicht noch ein anderes historisches Gebäude in der Stadt gäbe, um das seit Jahren ein erbitterter Streit tobt: den Hauptbahnhof. In Lindau mit seinen etwa 24 800 Einwohnern wird zwar nicht das Melodram „Stuttgart 21“ nachgespielt, aber es gibt einige Parallelen.

          Der historische Kern Lindaus ist auf einer Insel, die neueren Stadtquartiere sind auf dem Festland gelegen. Der Hauptbahnhof, ein Kopfbahnhof, wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Insel errichtet, unmittelbar am Hafen der ehemaligen freien Reichsstadt, über dem der bayerische Löwe als steingewordener Herrschaftsanspruch thront. Als Petra Meier to Bernd-Seidl 2000 Oberbürgermeisterin wurde, waren Pläne der Deutschen Bahn, den Hauptbahnhof von der Insel auf das Festland zu verlegen, schon weit gediehen – und auch der Widerstand gegen das Vorhaben. 1997 hatte die Bahn die Pläne vorgestellt, mit einer Kostenschätzung in Höhe von siebzig Millionen Mark; wie sich die Handlungsstränge seither entwickelt haben, darüber gibt es bei Befürwortern und Gegnern des Vorhabens unterschiedliche Wahrnehmungen.

          Bahn: Neubau gleichteuer wie Modernisierung

          Bis heute ist es dabei geblieben, dass ganz verschiedene Rationalitäten aufeinander treffen – wirtschaftlicher, rechtlicher, emotionaler Natur. Spürbar wird das bei einem Gespräch mit dem Bahnmanager Volker Hentschel, der für das Vorhaben zuständig und Produktionsleiter Bayern der DB Netz ist, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn. Er arbeitet in München in einem schmucklosen Zweckbau nahe der Donnersberger Brücke – größer könnte der Kontrast zu dem Amtssitz der Lindauer Oberbürgermeisterin kaum sein. Hentschel erweist sich im Gespräch als ein Mann, der sich gut in die Lindauer Mentalitäten einfühlen kann, der aber, wie es seine Aufgabe gebietet, einer technischen und ökonomischen Betrachtungsweise verpflichtet ist. Aus seiner Sicht sind die Argumente eindeutig verteilt – zugunsten einer Verlagerung des Bahnhofs von der Insel auf das Festland.

          Lindau ist dabei Teil eines größeren Szenarios, nämlich der Elektrifizierung der Bahnstrecke von München bis Zürich, mit der die Fahrzeit zwischen den beiden Städten spürbar verringert werden soll. Zum Lindauer Inselbahnhof fahren die Züge über einen langen Bahndamm; nach den Berechnungen der Bahn wären die Investitionen für eine Modernisierung ihrer Infrastruktur auf der Insel vergleichbar hoch wie für den Neubau eines Bahnhofs auf dem Festland. Ins Auge gefasst ist dafür das Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs im Stadtteil Reutin. Mit dem Bau eines neuen Durchgangsbahnhofs in Reutin statt des Kopfbahnhofs auf der Insel verbindet die Bahn die Perspektive für die Lindauer, dass ihre Stadt ein Haltepunkt für Fernzüge bleibt – keine Selbstverständlichkeit für eine Kommune dieser Größe.

          Die Motive für den Widerstand oft diffus

          Die Bahn stützt sich bei ihren Plänen auch auf die Entwicklung der Siedlungsstruktur in der Stadt. Die Mehrheit der Lindauer (mehr als achtzig Prozent) lebt mittlerweile auf dem Festland; sie müssen, wollen sie den Bahnhof mit dem Auto erreichen, auf die Insel fahren – eine Belastung für die Altstadt, die nur eine einzige Brückenverbindung zum Festland hat und in den touristischen Saisonzeiten stark dem Individualverkehr ausgesetzt ist. Aus Sicht der Bahn brächte die Aufgabe des Inselbahnhofs für die Altstadt neue Entwicklungsmöglichkeiten, da durch den Rückbau der Schienenwege große Flächen frei würden. Das alte Bahnhofsgebäude, in der Architektursprache des Jugendstils gehalten, könnte in dieser Planung nach einer Renovierung einer anderen Nutzung zugeführt werden.

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