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Leutheusser-Schnarrenberger : „Ich will ein Meldesystem für Alltags-Antisemitismus“

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Antisemitismus-Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen: die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) Bild: dpa

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist die erste Antisemitismusbeauftragte in NRW. Im Interview erklärt sie, warum sie die richtige für das Amt ist, wie die AfD die Diskussion verändert hat – und welche Rolle „eingewanderter Antisemitismus“ spielt.

          Frau Leutheusser-Schnarrenberger, das Amt des Antisemitismusbeauftragten wurde in Nordrhein-Westfalen neu geschaffen, in Hessen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Baden-Württemberg gibt es den Posten bereits. Wie viel zu spät kommt er in Düsseldorf?

          Es ist gut, dass das Amt nun geschaffen wurde und müßig darüber zu reden, ob es früher besser gewesen wäre. Eigentlich ist es nämlich nicht so, dass man für jede Aufgabe gleich einen Beauftragten stellt: Es gibt beispielsweise Wehrbeauftragte oder Datenschutzbeauftragte, das sind aber nicht vergleichbare Aufgaben. Leider erleben wir eine deutlich stärkere Sichtbarkeit von Antisemitismus in Deutschland, die verschiedene Ursachen hat.

          Wie ist Ihnen Antisemitismus schon mal begegnet?

          Unmittelbar betroffen war ich noch nie. Aber vor etwa sechs Jahren hat ein Gericht in Köln die Beschneidung verboten und als Körperverletzung geahndet. In meiner damaligen Funktion als Justizministerin bin ich bei dem Gesetzgebungsverfahren mit vielen jüdischen Verbänden und Einzelpersonen in Kontakt gekommen. Aus Erzählungen weiß ich daher, wie schon immer und jetzt noch stärker die Angst um sich greift, weil es die unterschiedlichsten Anlässe dafür gibt. Es muss sich nicht immer direkt um eine Straftat oder einen körperlichen Angriff handeln, es geht auch um den alltäglichen Gebrauch des Begriffes „der Jude“ im Zusammenhang mit Pöbeleien, Abfälligkeiten und Verschwörungstheorien. Ich kann gut verstehen, wie das zu Verunsicherung und Angst führt.

          Woher kommt das Plus von neun Prozent bei antisemitischen Straftaten 2018 in Nordrhein-Westfalen – im Vergleich zum Vorjahr?

          In NRW lebt der größte Teil der jüdischen Gemeinschaft, aber in allen Bundesländern sind die Zahlen gestiegen. Unabhängig von der Zunahme der reinen Taten wird das Problem vor allem sichtbarer. Frühere Tabus nach dem Motto „das wird man doch wohl mal sagen können“ sind gebrochen worden. Ihren Hass brüllen manche Bürger auf den unterschiedlichsten Ebenen raus. Das Klima hat sich insgesamt verändert. Ob es früher wirklich so viel weniger Taten gab, kann ich nicht beurteilen, weil das ein oder andere vielleicht gar nicht in die Statistik gelangt ist. Es ist eine bedrohliche Entwicklung, die einem Sorge machen muss – ohne Wenn und Aber.

          Welche Rolle spielt Migration dabei? Es wird auch immer wieder vom „eingewanderten“ Antisemitismus gesprochen.

          Das ist eine Ursache, auf die man sich aber nicht allein konzentrieren darf. Seit der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 haben wir immer einen latenten Antisemitismus in Deutschland verzeichnet, trotz der vorausgegangenen Gräueltaten des NS-Regimes. Das wurde in Einzelstudien immer wieder nachgewiesen. Es kommen Migranten auch aus Kulturkreisen mit antisemitischen Einstellungen und damit kann auch ein sogenannter eingewanderter Antisemitismus zum Problem werden. Aber Fanatiker und Fundamentalisten aller religiösen, politischen oder kulturellen Couleur sind gefährlich, weil sie für rationale Argumente und eine differenzierte Weltsicht unerreichbar sind. Der Blick muss aber genauso nach Ost-Europa gehen: Polen hat ein Gesetz beschlossen, nach dem das Land bei der Verantwortung für den Holocaust nicht mehr erwähnt werden darf. Das entspricht nicht meinem Verständnis von Erinnerungskultur.

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