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Pandemiebedingte Lernlücken : 645 Euro für Nachhilfe

Ein Drittel der Kinder braucht nach der Pandemie wohl Förderung: Ein Mädchen im April in einer privaten Nachhilfestunde in Schwetzingen Bild: dpa

Die Ständige wissenschaftliche Kommission rechnet damit, dass ein Drittel aller Kinder wegen der Pandemie Nachhilfe benötigt. Das zur Verfügung stehende Geld soll dabei an jene gehen, die es am nötigsten haben.

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          In bemerkenswerter Geschwindigkeit hat das neue wissenschaftliche Beratungsgremium der Kultusministerkonferenz (KMK), die Ständige wissenschaftliche Kommission (Stäwiko) am Freitag seine erste Stellungnahme veröffentlicht. Konkret geht es darum, die vom Bundesbildungsministerium (BMBF) und Bundesfamilienministerium bereitgestellten zwei Milliarden Euro für die Jahre 2021 und 2022 möglichst wirksam für das Aufholen pandemiebedingter Lernlücken einzusetzen. Angesichts der Gesamtsumme war klar, dass das Geld nicht mit der Gießkanne verteilt werden kann, sondern gezielt denjenigen zugute kommen muss, die besonders gelitten haben.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Die Stäwiko rechnet damit, dass etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen pandemiebedingt Unterstützung braucht, das sind rund 15,3 Millionen Kinder, denen dann etwa 645 Euro zur Verfügung stünden. Betroffen sind leistungsschwache Kinder und Jugendliche, die kaum Unterstützung von zuhause hatten, ein hohes Risiko für Fehlzeiten aufweisen oder sonderpädagogische Förderung brauchen.

          Augenmerk auf Sprachförderung

          Eine Studie aus den Niederlanden zeigt, dass die acht bis elf Jahre alten Schüler während des Lockdowns bei insgesamt 18 Wochen Schulschließungen einen Leistungsrückstand von etwa einem Viertel Schuljahr aufweisen. Besonders in bildungsfernen Familien haben die Kinder nicht nur emotional und psychisch gelitten, sondern auch erheblich weniger gelernt. Einer Schweizer Studie zufolge waren die Lernrückstände in der Sekundarstufe I durch das Distanzlernen deutlich geringer als in der Grundschule. Alarmierend ist eine von der Stäwiko zitierte Studie, in der Langzeitfolgen von Schulschließungen nach Naturkatastrophen (Erdbeben) untersucht wurden. Fiel in der dritten Jahrgangsstufe ein Drittel des Schuljahrs aus, hatten sich die Lernlücken am Ende der zehnten Jahrgangsstufe auf ein ganzes Schuljahr summiert.

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          Außerdem, so schlagen die Wissenschaftler vor, soll die Förderung vor allem an Übergängen greifen. Das sind die Gelenkstellen individueller Bildungsbiographien wie der Übergang von der Kita zur Grundschule, von der Grundschule in die Sekundarstufe I, der Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II und das sogenannte Übergangssystem im berufsbildenden Bereich. Im Übergangssystem landen Jugendlichen, die ohne einen Abschluss die Schule verlassen und allenfalls niedrigqualifizierte Tätigkeiten erlernen. Jeder zweite Jugendliche mit Migrationshintergrund findet sich im Übergangssystem wieder. Die Betroffenen sollten durch eine intensive schulische Sozialarbeit und die Jugendberufshilfe (Jugendberufsagenturen) unterstützt werden.

          Aber auch die Jüngsten haben Defizite. Durch den eingeschränkten Kita-Betrieb sind viele sprachbildende Förderungen zu kurz gekommen. Deshalb soll vor allem die Einschulungskohorte 2022/23 unterstützt werden. Alle Länder mit vorschulischen Sprachstandserhebungen sollten den Ergebnissen besondere Aufmerksamkeit widmen und sicherstellen, dass Kinder mit Sprachstandsverzögerungen (dazu zählen auch muttersprachlich deutsche Kinder) in Programme der Sprachförderung aufgenommen werden.

          Weiterbildung des Personals gefordert

          Darüber hinaus schlägt die Stäwiko vor, sich im schulischen Bereich auf sprachliche und mathematische Basiskompetenzen zu konzentrieren, anstatt den gesamten Lehrplan aufholen zu wollen. So könnten etwa Poolstunden (frei verfügbare Stunden, die Schulen flexibel einsetzen können) für Deutsch und Mathematik genutzt werden. Neben der Förderung im Unterricht und in Ferienkursen wird für das kommende Schuljahr 2021/22 die zusätzliche Unterstützung in Kleingruppen durch Tutoren empfohlen. Diese Tutorien sollten eng mit dem Unterricht verzahnt sein. Zur Qualifizierung der Tutoren sollten zeitnah digitale Qualifizierungsmodule entwickelt werden, empfehlen die Wissenschaftler.

          In Berlin haben die Schulen vor, die Honorarkräfte, die sie ohnehin im Ganztagsbetrieb einsetzen, auch für Ferienkurse und weitere Unterstützungsangebote während des kommenden Schuljahrs zu verpflichten. Das hätte den Vorteil, dass eine persönliche Kontinuität gegeben ist. In Berlin sind die Ferienkurse und Sommerschulen schon jetzt überfüllt.

          Um die Förderung nicht privaten Nachhilfeinstituten mit einer nicht überprüfbaren Qualifikation zu überlassen, fordern die Wissenschaftler eine systematische Weiterbildung des pädagogischen Personals. Denn die Effekte privater Nachhilfe auf die Fachleistungen sind einer Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge ziemlich ernüchternd.

          Um das eingesetzte pädagogische Personal weiterzuqualifizieren, könnten sich Länder zusammenschließen, um auf der Grundlage einschlägiger Rahmenmodelle geprüfte Diagnose- und Fördermaterialien zu entwickeln. Solch eine Zusatzqualifikation könnte Lehramtsstudenten und den Mitarbeitern externer Anbieter zugutekommen. Denn an ausgebildeten Lehrern fehlt es ohnehin. Es könnten aber pensionierte Lehrer und Teilzeitlehrer mit einer befristeten Aufstockung des Stundendeputats eingesetzt werden.

          Vergleichsarbeiten nachholen

          Damit sich die Förderung nicht in pädagogischem Aktionismus erschöpft, sollen die Effekte aller Unterstützungsschritte auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen beobachtet werden. Dazu könnten der Bildungstrend des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen oder Vergleichsarbeiten in den Schulen genutzt werden.

          Um so misslicher ist aus Sicht der Wissenschaftler, dass viele Länder ausgerechnet während der Corona-Pandemie Vergleichsarbeiten ausgesetzt haben. Sie sollten nun verpflichtend in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache geschrieben werden. „Zu Beginn des Schuljahres sollten in allen Schulformen (auch Gymnasien) Lernausgangslagenuntersuchungen in den Fächern Deutsch und Mathematik durchgeführt werden“, auf deren Basis dann gezielte Förderangebote gemacht werden sollten. Das Sitzenbleiben oder Abschulen (auf die nächstniedrigere Schulart) in den ersten Jahren der Sekundarstufe I sollten mindestens zwei Schuljahre ausgesetzt werden, um „unnötiges psycho-soziales Belastungserleben durch hohen Leistungsdruck zu vermeiden“.

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