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Arbeitskräfte aus Rumänien : Verkauft an den Meistbietenden

Unterschrift auf einem leeren Blatt Papier: Andrei-Victor Gaji und Andreea Mujnai in Frankfurt Bild: Marcus Kaufhold

Leiharbeitsfirmen locken junge Rumänen auf Arbeitssuche nach Deutschland. Hier werden sie ausgenutzt und ausgebeutet – mitunter jahrelang. Zwei rumänische Krankenpfleger erzählen, was sie in deutschen Pflege- und Altenheimen erlebten.

          Andrei-Victor Gaji hatte keine 4000 Euro, um sich freizukaufen. Er wollte aber auch nicht drei Jahre mit einem dubiosen Arbeitsvertrag in der thüringischen Provinz verbringen. „Ich fühlte mich wie ein Sklave mit diesem Vertrag“, sagt er. Als diese Erkenntnis kam, lebten er und seine Freundin Andreea Mujnai seit einem halben Jahr in Deutschland, hatten unzählige Verträge unterschrieben, deren Inhalte sie nicht verstanden, und oft daran gedacht, zurück nach Hause zu reisen.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Geschichte der beiden ist eine von zwei Rumänen, die des Geldes wegen nach Deutschland kamen. Denn in Rumänien könne nur Geld verdienen, wer davor jemand anderem welches zustecke oder die richtigen Leute kenne, sagen sie. Vielen ihrer Landsleute wird in Deutschland Sozialmissbrauch vorgeworfen. Sie kämen nur wegen der hohen Sozialleistungen nach Deutschland, heißt ein gängiger Vorwurf. Dabei ist dieser nicht durch Zahlen belegt: Im Jahr 2013 gab es laut bundesweiter Polizeilicher Kriminalstatistik nur bei 141 Rumänen einen Verdacht auf Sozialbetrug. Und fast zwei Drittel der 32.000 Rumänen, die im Herbst 2014 Sozialleistungen erhielten, stockten damit laut Bundesagentur für Arbeit ein geringes Gehalt auf. Andere, wie Gaji und Mujnai, unterschreiben Knebelverträge und zahlen überzogene Preise für ihre Unterkünfte.

          Schimmliges Essen und Blanko-Verträge bei „Auxila“

          Beide kamen als Krankenpfleger über das Leiharbeitsunternehmen Auxila nach Deutschland. Im mittelhessischen Schwalbach, einem Städtchen mit Fachwerkhäusern, lernten die beiden 23 Jahre alten Rumänen Deutsch in der Auxila-Akademie, einem Haus am Rande des Ortes. Man habe ihnen verschimmeltes Essen vorgesetzt und sie gezwungen, ein leeres Blatt Papier zu unterschreiben, sagen sie. Später sei daraus ein Vertrag geworden. Auxila-Geschäftsführer Jürgen Debus sagt, von einem leeren Blatt wisse er nichts und der Vorwurf mit dem schimmligen Essen sei „lächerlich“.

          Später wurden die beiden in ein Altenpflegeheim am Bodensee vermittelt, das Seniorenhaus Katharina. Dort zahlten sie 640 Euro für ihr einfaches Zimmer im nächstgelegenen Ort. Als sie die Miete nicht für zwei Monate im Voraus bezahlen konnten und einen fragwürdigen Vertrag nicht unterschreiben wollten, habe man sie auf die Straße gesetzt. „Ich habe keine Pausen gemacht, nicht mal, um Wasser zu trinken“, sagt Mujnai. „Es war einfach keine Zeit, so wenig Personal, so viel Arbeit.“ Als Paar sollten sie nicht zusammenarbeiten, hieß es im Seniorenhaus Katharina. Also arbeitete sie oft im Frühdienst, er in der Nachtschicht. Das Heim äußert sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen.

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