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Notstand in der Hauptstadt : Wie Berlin den Lehrermangel beenden will

Viele bunte Masken: Franziska Giffey (Mitte) zwischen Politikerin der Berliner rot-rot-grünen Regierung bei der Vorstellung ihres Koalitionsvertrags Bild: dpa

Die rot-rot-grüne Koalition in Berlin will Pädagogen wieder verbeamten – und mehr Vielfalt unter ihnen erreichen. Der Koalitionsvertrag zeigt: Diversität ist ihr dabei wichtiger als Exzellenz.

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          Die rot-rot-grüne Koalition in Berlin hat sich dazu durchgerungen, die 2004 abgeschaffte Verbeamtung von Lehrern wieder einzuführen und die Altershöchstgrenze dafür temporär auf 52 Jahre hochzusetzen. Damit reagiert der Senat auf die Lehrernot in der Hauptstadt. Berlin war bisher das einzige Bundesland, das Lehrer nur als Angestellte beschäftigte. Neben der Rückkehr zur Verbeamtung setzt die Koalition unter der künftigen Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) auf weitere Schritte, um den Engpass zu überwinden. Sie will dazu Pädagogen mit einem Berufsabschluss aus dem Ausland, die nur ein Fach studiert haben, weiter qualifizieren und ihnen so den Berufseinstieg erleichtern. Auch Grundschullehrer mit Lehrbefähigung für untere Klassen nach DDR-Recht, Lehrer ohne volle Lehrbefähigung oder Einfachlehrer fortzubilden, halten die Koalitionäre angesichts eines Quereinsteigeranteils in Grundschulen von 70 Prozent für nötig.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Aufgegriffen haben die Koalitionäre außerdem eine zentrale Forderung der sogenannten Qualitätskommission, die Berlins Bildungswesen evaluiert hat: das Institut für Schulqualität zu stärken und auszubauen sowie ein Berliner Landesinstitut für Aus-, Fort- und Weiterbildung für die Beschäftigten an Berliner Schulen einzurichten. Es findet sich im Koalitionsvertrag auch ein Bekenntnis zur leistungsorientierten Schulentwicklung und einer Qualitätssteuerung mit Längsschnittstudien, sowie datenunterstützten Beratungsgesprächen zwischen Schulen und Schulaufsicht.

          „Berliner Schulen diskriminierungsfrei“

          Allerdings werden weder die Qualitätskommission noch der Qualitätsbeirat genannt, der längst arbeitet und die praktische Umsetzung der zentralen Qualitätsverbesserungen begleitet. Der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, Norman Heise, kündigte gegenüber der F.A.Z. an, die Eltern würden es nicht zulassen, dass eine neue Amtsspitze im Schulsenat die von der Qualitätskommission und dem Beirat eingeleiteten Schritte fallen lässt. Das dürfte allerdings schwierig werden Denn längst nicht alle Grünen und Sozialdemokraten tragen die Qualitätssteuerung mit. Die Linke erst recht nicht.

          Außerdem nennt der Koalitionsvertrag das Ziel, „Berliner Schulen diskriminierungsfrei zu gestalten“. Dafür werde die Koalition das pädagogische Personal diverser aufstellen und die „Rahmenlehrpläne und Lehr- und Lernmaterialien rassismus- und kolonialkritisch überarbeiten“. Die Koalition setze sich für „starke Diversity- und Queerkompetenzen in allen pädagogischen Berufen ein und stärkt das Themenfeld der sexuellen Vielfalt und Identität“. Alle Schulen sollen zu Inklusionsschulen werden. Die Opposition kritisiert die Orientierung an Gender und Diversity, darunter auch der forschungspolitische Sprecher der Berliner CDU, Adrian Grasse.

          Wissenschaftsfremde Kriterien für Stellenbesetzungen

          Manches spricht dafür, dass die Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch das Gesundheits- und Wissenschaftsressort übernehmen soll, denn es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Bereichen, etwa bei der Charité, dem Berlin Institute of Health (BIH), dem Herzzentrum und der Berlin University Alliance (dem Exzellenzverbund der drei Berliner Universitäten).

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          Unklar bleibt, wie die Aussage, „das bewährte Instrument der Hochschulverträge weiterzuentwickeln“, in die Tat umgesetzt werden kann. Die Grundfinanzierung soll gestärkt, „Fehlanreize sollen bereinigt und Leistungskriterien angepasst“ werden. Hinter solchen Ankündigungen verbirgt sich wie an vielen anderen Stellen des Koalitionsvertrags möglicherweise ein deutlicher Dissens zwischen den Koalitionspartnern. Einerseits findet sich ein klares Bekenntnis zur Wissenschaftshauptstadt Berlin und dem Forschungsstandort, andererseits werden wissenschaftsfremde Kriterien betont wie das Ziel, mindestens 50 Prozent aller Stellen und Funktionen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit Frauen zu besetzen.

          Bessere Bedarfsprognostik als Ziel

          Ob die Gründung einer Humanistischen Hochschule, die vor allem vom ehemaligen Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) propagiert wird, von den Koalitionären unterstützt wird, bleibt offen. Sie solle geprüft werden und bei einer Gründung vor allem Fachkräfte im Bereich der sozialen Arbeit und Pädagogik ausbilden. Innerhalb der Koalition ist sie stark umstritten.

          Immerhin will Rot-Rot-Grün die vereinbarte Zahl von 2000 Absolventen im Lehramt durch Verbesserungen im Studium erreichen. Damit der Lehrermangel nicht zyklisch wieder auftaucht, soll es eine präzise Bedarfsprognostik für Lehrer geben und auch in die verbindliche Kapazitätsplanung einbezogen werden. „Die Koalition strebt zudem einen bundesweiten Staatsvertrag zur bedarfsgerechten Lehrkräfteausbildung an“, heißt es in dem Koalitionspapier.

          Doch die beste Bedarfsplanung hilft nichts, wenn Lehramtsanwärter ihr Studium abbrechen oder sich kurz vor dem Abschluss für einen anderen Berufsweg entscheiden. Ob sich durch eine Evaluation des Studien- und Ausbildungsverlaufs Studienabbrüche vermeiden lassen, bleibt abzuwarten. Es gibt solche Evaluationen gerade für das Lehramtsstudium schon in Mecklenburg-Vorpommern. Am Lehrermangel haben sie bisher nichts geändert.

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