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Lehrergewerkschaft : Länder sollen Mathe-Abi überprüfen

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„Ruhezone Abitur“: Nach angeblich zu schweren Matheaufgaben in der Abschlussprüfung protestierten Tausende Schüler. Bild: dpa

Nach den Protesten von Zehntausenden Schülern gegen das Mathe-Abitur mahnt die Lehrergewerkschaft GEW eine Neubewertung der Aufgaben an. Auch eine Fachkommission müsse sich noch einmal mit ihnen befassen.

          Angesichts der Proteste gegen das jüngste Mathematik-Abitur fordert die Lehrergewerkschaft GEW eine Überprüfung in den Ländern, in denen sich viele Schüler von den Aufgaben überfordert gefühlt haben – und gegebenenfalls eine Heraufsetzung der Noten. Die betreffenden Kultusministerien müssten sich mit den Schülern zusammensetzen, sagte Ilka Hoffmann, die im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für das Thema Schule zuständig ist, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

          „Lag es an der Konstruktion der Aufgaben, waren vielleicht bestimmte Aufgaben nicht mehr lösbar, wenn man an den vorherigen gescheitert ist?“, fragte sie. „Falls es Fehler bei der Aufgabenstellung gab, muss das Ziel sein, für die Zukunft zu lernen.“ Sie betonte: „Im Fall zahlreicher Beschwerden muss sich eine Fachkommission noch einmal mit den Aufgaben befassen. Kommt diese zum Ergebnis, dass sie zu schwer waren, gibt es nur eine faire Lösung: Die Bewertung muss großzügiger ausfallen.“

          In Bayern, Niedersachsen und Bremen haben die Kultusministerien angekündigt, die Prüfungen zu überprüfen. In Thüringen will das Bildungsministerium zunächst den Notendurchschnitt und Rückmeldungen von den Fachlehrern abwarten.

          Am Wochenende hatten sich zunächst Zehntausende Schüler in Bayern, Niedersachsen, Bremen, Hamburg und dem Saarland, in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt über den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben beschwert und mit Online-Petitionen an ihre Kultusministerien gewandt. Am Montag kamen Schüler aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein hinzu, so dass die Zahl am Nachmittag bis auf rund 70.000 stieg, davon alleine rund 60.000 in Bayern. Anders als in anderen Bundesländern hat das Mathe-Abitur in Hessen hingegen offenbar keine größere Verärgerung bei Schülern ausgelöst. Bisher seien keine Proteste bekannt, sagte Vize-Landesschulsprecherin Lou-Marleen Appuhn am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

          Der Mathe-Professor Reinhard Oldenburg von der Universität Augsburg wies auf die Herausforderungen bei der Formulierung der Aufgaben hin. Es sei nicht ganz leicht, den Schwierigkeitsgrad zu justieren, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Eigentlich müssten die Aufgaben an Abiturienten ausprobiert werden, „aber das geht nun einmal nicht“. Oldenburg zeigte sich aber vor dem Hintergrund der kritisierten Aufgaben in Bayern überzeugt: „Das Mathe-Abitur ist nicht schwerer als früher, aber anders.“ Das Abitur sei „stärker kompetenzorientiert“. Das sei auch sinnvoll, „da es ja nicht im Wesentlichen darum gehen sollte, einfach nur Rechenverfahren zu erlernen, die heute jedes Handy besser beherrscht als der Mensch“. Er forderte deshalb, dass der Unterricht die Schüler darauf vorbereiten müsse.

          Mathe-Abi – was man wissen muss

          Das diesjährige Mathe-Abitur in Bayern hat eine Diskussion über den Schwierigkeitsgrad ausgelöst. Nach den Prüfungen am Freitag haben Schüler eine Petition im Internet gestartet, in der sie fordern, die Kriterien für die Benotung anzupassen. Bis Montagnachmittag hatten rund 60.000 Unterstützer unterschrieben.

          Wie lauteten die Aufgabenstellungen?

          Die Aufgaben, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen, sind viele Seiten lang und enthalten Grafiken. Daher ist eine ausführliche, aber verständliche Darstellung an dieser Stelle nicht möglich. Inhaltlich ging es im Bereich Analysis, zu dem unter anderem Kurvendiskussionen zählen, beispielsweise um ein Plateau in einem Skatepark und den Wirkstoff eines Medikaments. Im Bereich Geometrie behandelte eine Aufgabe einen Bohrkanal für eine Geothermieanlage. In der Stochastik, der Wahrscheinlichkeitsrechnung, ging es unter anderem eher klassisch um ein Glücksrad und eine Losbude, aber auch etwas abstrakter um zu viele Reservierungen für ein Kreuzfahrtschiff und Lebkuchenherzen.

          Haben alle Schüler dasselbe Mathe-Abi geschrieben?

          Ziemlich sicher nicht. Sprecher Benedikt Karl vom bayerischen Philologenverband (bpv) erklärt, dass die Lehrer am Tag der Prüfung morgens je zwei Aufgaben aus den Bereichen Analysis, Geometrie und Stochastik bekommen und durchrechnen können. Daraus wählen sie jeweils eine aus. Dabei achten sie laut Karl auf den Wissensstand ihres Kurses. Die Schüler selbst hätten dann keine Wahl mehr.

          Wer stellt die Aufgaben, kalkuliert die benötigte Zeit und legt die Anforderungen für die Benotung fest?

          Dafür gibt es nach Angaben des bayerischen Kultusministeriums eine Kommission, die aus Lehrern besteht, die in der Unterrichtspraxis und in der Erstellung von Abituraufgaben erfahren sind. Es gibt einen länderübergreifenden Abituraufgabenpool, der allen Bundesländern zur Verfügung steht.

          Werden die Aufgaben noch einmal überprüft vor den Abiprüfungen beziehungsweise wer kennt die Aufgaben vor dem Abi-Termin?

          Eine Arbeitsgruppe aus dem Ministerium überprüft den Angaben nach die von der Kommission erstellten Aufgaben. Am Tag vor der Prüfung werden die Aufgaben noch einmal im Haus von Fachreferenten für Mathematik überprüft, die die Aufgaben bis dahin nicht kennen.

          Wie wird die Vergleichbarkeit der Prüfungen über verschiedene Jahre hinweg gewährleistet?

          Dazu heißt es aus dem Ministerium: „Durch die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz der Länder, den länderübergreifenden Abituraufgabenpool sowie das bewährte Verfahren der Aufgabenerstellung mit in der Unterrichtspraxis und in der Erstellung von Abituraufgaben erfahrenen Lehrkräften.“

          Wie sind die Mathe-Abinoten in den vergangenen Schuljahren im Schnitt ausgefallen?

          In den vergangenen Jahren lag der Schnitt bei den Mathe-Abinoten in Bayern laut Ministerium um die 3,1. Zum Vergleich: Die Gesamtdurchschnittsnote liegt seit Jahren konstant ungefähr bei 2,3.

          Kann man alleine wegen einer Sechs in Mathe durchs Abi fallen?

          0 Punkte in der schriftlichen Mathematikprüfung führen laut Kultusministerium nicht dazu, dass die Abiturprüfung nicht bestanden ist. „In diesem Fall besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer mündlichen Zusatzprüfung noch auf mindestens ein Ergebnis von 1 Punkt zu kommen“, teilte ein Sprecher dazu mit.

          Wie schätzen Experten das ein?

          Das bayerische Abitur habe sich in den vergangenen rund zehn Jahren stark gewandelt von einer zunächst sehr rechenlastigen Prüfung auf hohem Niveau hin zu einer, die stärker kompetenzorientiert ist, teilte Mathematikprofessor Reinhard Oldenburg von der Uni Augsburg mit. „Der mathematische Anspruch an die technischen Fähigkeiten wurde dabei deutlich reduziert. Im Gegenzug sind die Aufgaben textlastiger geworden und es werden oft mehr oder weniger realistische Kontexte für Aufgaben gegeben.“ In deutlich mehr Aufgaben als früher werde die Kompetenz des Begründens gefordert. Diese Entwicklung sei aus didaktischer Sicht zu begrüßen - Stichwort Allgemeinbildung - und sie entspreche sowohl den Intentionen der Bildungsstandards für das Abitur, die die Kultusministerkonferenz herausgegeben hat, als auch den Zielen des bayerischen Lehrplans. „Es scheint allerdings fraglich, ob der Unterricht sich dazu passend verändert hat.“

          Konkret auf das Abitur 2019 bezogen sagte Oldenburg, der auch Mitglied in der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik und der Deutschen Mathematiker-Vereinigung ist: Insbesondere in einem Geometrieteil seien in ungewöhnlich hohem Umfang Argumentationen eingefordert worden. „Das Niveau der Aufgabenstellung ist aber meines Erachtens angemessen und durch den Lehrplan gedeckt.“

          Gibt es die Debatte nur in Bayern?

          Nein. Kritik gibt es unter anderem auch in Niedersachsen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Auch ist die Debatte an sich nichts Neues: 2016 war in Niedersachsen diskutiert worden, ob bei den Mathematik-Abi-Klausuren der Bewertungsmaßstab angepasst werden muss.

          Wie geht es nun weiter?

          Die rund 37.000 Abiturienten im Freistaat bekommen laut bpv-Sprecher Karl am 31. Mai nachmittags alle Noten mitgeteilt. Eine Frist, bis wann die Mathe-Noten nach Erstkorrektur des eigenen und Zweitkorrektur eines anderen Lehrers vorliegen müssen, gibt es den Angaben nach nicht.

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