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Eltern als Aushilfslehrer : „Der Ruhepol Schule fällt komplett weg“

  • -Aktualisiert am

Viele Lehrer stellen ihren Schülern derzeit Materialpakete digital zum Download bereit, beispielsweise auf der Schulhomepage. Bild: dpa

Wenn Schüler zuhause lernen, geht die Geborgenheit verloren, warnt Realschulleiter Tobias Schreiner. Lehrer sollten jetzt nicht nur Aufgabenpakete verschicken, sondern den Kontakt zu ihren Schülern pflegen – auch, um die Eltern zu entlasten.

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          Herr Schreiner, auch Sie machen nun seit gut zwei Wochen mit Ihren Schülern Homeschooling.

          Der Begriff passt nicht genau. Ich sage dazu lieber „Schule dahoam“.

          Wo liegt der Unterschied?

          Homeschooling bedeutet: Eltern organisieren das Lernen ihrer Kinder selbst. Bei Schule dahoam sind die Kinder zu Hause, aber wir Lehrer nehmen unsere Aufgabe weiter wahr. Wir wollen den sozialen Kontakt zu den Schülern halten und weiter mit ihnen lernen.

          Wie läuft das bei Ihnen bisher?

          Am Schultag 11 nach der Schließung ist die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern noch lebendig. Da weiß jeder noch, wer der andere ist und dass er auf ihn bauen kann. Gleichzeitig nutzen wir digitale Kanäle, etwa Chat, E-Mail und unsere Schulcloud.

          Eine Schulcloud ist das vielbeschworene virtuelle Klassenzimmer?

          Ja, ein Lern- und Kommunikationsraum, der über eine Datenwolke abgewickelt wird: Schüler und Lehrer kommunizieren miteinander, können gemeinsam an Dokumenten arbeiten und auch Videokonferenzen abhalten. Aber es geht im Verhältnis von Lehrern und Schülern in Zeiten von Corona nicht um Technologie! Viel wichtiger ist, dass die Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern und auch zu den Eltern nicht abreißen.

          Tobias Schreiner ist Leiter der Realschule Gmund am Tegernsee

          Muss Schule nicht vor allem Wissen vermitteln?

          Das muss sie, unbedingt. Aber, um es plakativ zu sagen: Es geht im Moment nicht darum, wie wir Aufgabenblätter in die Elternhäuser transportieren, ganz egal ob als Kopie oder als PDF: Wiederhole im Buch die Seiten 7 bis 75. Mach alle Übungen, die wir noch nicht geschafft haben. Ich freue mich, Dich nach den Ferien wiederzusehen.

          So etwas gibt es?

          Das ist eine authentische Aufgabenstellung. Und so etwas darf meines Erachtens nicht sein. Eltern dürfen nicht zu Hilfslehrern gemacht werden. Lehrer müssen sich bemühen, intensiven Kontakt zu ihren Schülern zu halten. Dann sinkt die Belastung der Eltern.

          Sie sind eine Schule mit Cloud, Chat und aktiver Homepage. Wie nutzen Sie diese vielen Kanäle?

          So differenziert wie möglich. Wir haben zum Beispiel ganz verschiedene Chaträume. In der digitalen Aula etwa versammelt sich die ganze Schule.

          Jeder spricht dort mit jedem?

          Jeder sieht jedenfalls, wenn jemand etwas schreibt. Über diesen Kanal habe ich zum Beispiel wissen wollen, welche Erfahrungen die Schulgemeinschaft mit Corona und Schule dahoam gemacht hat.

          Hat sich darüber ein öffentlicher Diskurs in der digitalen Aula entwickelt?

          Zum einen wurde offen geredet. Zum anderen habe ich viele direkte Nachrichten von Schülern bekommen, in denen sie ihre Sorgen äußerten.

          Haben digital so gut ausgestattete Schulen wie die Ihre gerade Vorteile?

          Klar tun sich die Schulen, die das Digitalisierungsthema schon vorgedacht und geübt haben, jetzt ein bisschen leichter. Aber diese ganzen digitalen Tools waren immer nur dazu gedacht, den Präsenzunterricht zu ergänzen. Die Konzepte haben nie vorgesehen, alle Funktionen von Schule wie Wissensvermittlung, Erziehung, Kommunikation oder Aufeinander-Achtgeben, vollständig digital abzubilden. Und das können die Tools letztendlich auch nicht.

          Wie halten Schulen den Kontakt, die keine ausgebauten virtuellen Klassenräume haben?

          Ein Teil der Lehrkräfte versucht, irgendwie ihr Arbeitsmaterial an die Kinder weiterzureichen, gerade bei den Grundschulen. Die arbeiten teilweise mit Kopien und toten Briefkästen. Eltern fahren dann dahin und holen das ab. Oder die Lehrerin schickt per E-Mail ein Arbeitsblatt an die Elternvertreterin. Die fotografiert das dann und stellt es in den Elternchat der Whatsapp-Gruppe. Viele stellen Materialpakete digital zum Download ein, beispielsweise auf der Schulhomepage.

          Wie ist die Lage des Fernunterrichts Ihres Erachtens an den Schulen allgemein?

          Wir können davon ausgehen, dass der größte Teil der Lehrkräfte darum kämpft, sich überhaupt Wege zu den Schülern zu bahnen. Viele Schulen haben keine ausgebauten digitalen Kommunikationsräume, und die E-Mail ist oft nicht das Medium der Schüler.

          Wie reagieren die Schüler auf die Situation?

          Ich habe das Gefühl, dass deren Motivation im Moment eher größer ist. Die nehmen das Coronavirus und die Lage insgesamt sehr ernst. Wenn ich eine Aufgabe im digitalen Klassenzimmer stelle, kommt oft mehr zurück, als wenn ich das in einem Klassenzimmer mit Tafel und Stuhlreihen tue. Trotzdem sehe ich das Fernlernen auch kritisch.

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          Inwiefern?

          Die meisten Schüler gehen gern in die Schule, weil sie dort Wärme und Stabilität erfahren. Der Ruhepol Schule fällt komplett weg, wenn wir Fernlernen betreiben und es obendrein nur als technologische Angelegenheit betrachten. Das ist speziell für jene Familien schwierig, bei denen es bisher schon öfter nicht so gut lief.

          Welche meinen Sie?

          Ich habe den Eindruck, dass Eltern mit jüngeren Kindern mehr Stress haben. Auch Einzelkinder scheinen mir derzeit belasteter. Das Alleinsein zu Hause, wenn Eltern nicht da sind, kann die Verunsicherung erhöhen. Geschwisterkinder haben, wenn sie altersmäßig nicht zu weit auseinanderliegen, einen großen Vorteil: Sie können miteinander spielen.

          Mehr Kinder, kleinere Probleme?

          Auch Großfamilien, bei denen zu Hause wenig Platz zum Lernen ist, tun sich schwer. Wo sollen Kinder in Ruhe arbeiten, wenn die ganze Zeit Halligalli ist oder der Fernseher läuft? Deshalb sollten auch Sozialpädagogen, Jugendämter und Beratungsstellen eng in die digitalen Lernwelten eingebunden werden.

          Wie sehen Sie die Rolle von Lehrern, die große Aufgabenpakete verschicken?

          Wir sollten da sehr gut achtgeben. Schule bedeutet ja ohnehin oft Druck für Familien. Ich finde, wenn die Gesellschaft insgesamt gerade sehr verunsichert ist, dann sollte es nicht so sein, dass diejenigen, die wenig Grund zu persönlicher Verunsicherung haben, nämlich Lebenszeitbeamte, mit dazu beitragen, dass die Belastung für die Familien steigt. Bei Eltern, die in Kurzarbeit sind oder ihren Job verlieren, kann die Frage „Wo ist denn Aufgabe 3b abgeblieben?“ eine Krise auslösen.

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