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Legida-Protest in Leipzig : Ausschreitungen nach dem Aufmarsch der Extremisten

  • -Aktualisiert am

Auf knapp 10.000 wurde die Zahl der Legida-Demonstranten zu Beginn der Kundgebung geschätzt. Bild: dpa

Zum zweiten „Legida“-Aufzug kamen etwa 15.000 Leute. Im Vergleich zu Pegida in Dresden treten die „Legida“-Organisatoren professioneller, aber auch extremer auf.

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          War es Selbstüberschätzung oder einfach Größenwahn? Am Mittwochabend hatte „Legida“ (Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes) eine Demonstration mit 60.000 Teilnehmern angemeldet, und die Polizei hatte sich darauf mit ihrem größten Einsatz in der Messestadt seit dem Mauerfall vorbereitet. 44 Hundertschaften aus mehreren Bundesländern hatten die Innenstadt bereits am Nachmittag abgeriegelt, die meisten Geschäfte hatten geschlossen, Wasserwerfer und Räumfahrzeuge standen bereit, Hubschrauber kreisten über dem Zentrum. Der berühmte Leipziger Ring, auf dem im Herbst 1989 mehr als 70.000 Menschen gegen die SED-Diktatur und für Freiheit demonstriert hatten, war wie leer gefegt.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Auf dem Augustusplatz zwischen Oper und Gewandhaus, quasi in der guten Stube der Stadt, hielt „Legida“ eine Kundgebung ab, zu der laut Polizei zunächst 10.000 Teilnehmer kamen. Direkt über der Bühne prangte an der verdunkelten Leipziger Oper ein Plakat mit dem Dreiklang „Vielfalt, Toleranz, Offenheit.“ Im Gegensatz zu „Pegida“ in Dresden, wo nach wie vor jeden Montag ein weißer Verkaufswagen aufgeklappt und zwei Lautsprecherboxen aufs Dach gestellt werden, war „Legida“ mit einem Veranstaltungs-Truck und einer Profibühne inklusive digitaler Großleinwand vorgefahren.

          Verschärfte Tonlage

          Was dann allerdings von der Bühne herab geboten wurde, lässt das Dresdner Pendant Pegida fast schon sympathisch erscheinen. Der Publizist Jürgen Elsässer, der ein Magazin überwiegend rechtspopulistischen und verschwörungstheoretischen Inhalts herausgibt und Hauptredner des Abends war, erklärte die deutsche Regierung zu einem „abgehalfterten Regime“ wie 1989 in der DDR, nannte die Bundeskanzlerin „Angela Mäkel“, bezichtigte die Terrororganisation „Islamischer Staat“ der Zusammenarbeit mit der CIA und fordert Barack Obama auf, Deutschland die Freiheit wiederzugegeben. „Merkel muss weg!“ und „Ami go home!“ skandierte daraufhin die Menge.

          Überhaupt weichen die „Legida“-Forderungen von denen der Pegida in erheblichem Maße ab. So fordert „Legida“ nicht nur ein Ende von Multikulti, sondern auch des „Kriegsschuldkultes und der Generationenhaftung“ sowie die „Wiedererlangung der nationalen Kultur“. Darüber hinaus sollen das Strafrecht verschärft, Deutschlands Nato-Mitgliedschaft überprüft und außerparlamentarische politische Vereinigungen nicht mehr staatlich finanziert werden. Der sächsische Verfassungsschutz stufte „Legida“ deshalb als „entschlossener und viel radikaler als Pegida“ ein.

          Pegida distanziert sich

          Bereits auf der Pressekonferenz am Montag hatte Pegida erklärt, dass „Legida“ wie jeder andere Ableger das Dresdner Positionspapier akzeptieren müsse. Weil das Pegida zufolge bis zum Mittwoch nicht geschehen war, prüfe man nun eine Unterlassungsklage. „Alles, was heute Abend in Leipzig gesagt und gefordert wird, ist nicht mit uns abgesprochen“, sagte Kathrin Oertel am Mittwochabend. Der Sprecher von „Legida“, der Leipziger Militariahändler Jörg Hoyer, hatte sich zuvor schon für eigenständig erklärt und auch kein großes Interesse daran bekundet, die Pegida-Organisatoren in Leipzig zu begrüßen.

          Oertel hatte sich damit am Mittwoch gleich zwei Mal distanziert, zum einen von den ausländerfeindlichen Äußerungen ihres Freundes Lutz Bachmann, der am Abend als Pegida-Vereinsvorsitzender zurückgetreten war, und zum anderen von den teilweise völkisch-nationalistischen Thesen der „Legida“.

          Mehr Rechtsextreme und Hooligans

          Zwar trugen die „Legida“-Teilnehmer wie in Dresden selbstgebastelte Transparente sowie Fahnen aus mehreren Bundesländern, darunter Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Auch die Rufe – „Volksverräter!“ und „Lügenpresse!“ schallten über den etwa zu einem Viertel gefüllten Augustusplatz. Doch unter den Teilnehmern befand sich ein schon an der Kleidung auszumachender erheblich größerer Anteil an Rechtsextremen und Hooligans als in Dresden, wo beide Gruppen mittlerweile nur noch einen geringen Teil der Demonstranten stellen.

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