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Kiel prescht vor : Lassen auch andere Länder die Abi-Prüfungen ausfallen?

Abstand halten: Abiturienten im bayerischen Straubing (Archivbild) Bild: dpa

Während in Hessen und Rheinland-Pfalz bereits die Abiturprüfungen laufen, werden sie in Schleswig-Holstein abgesagt – welche Länder noch zögern und was das für die Vergleichbarkeit bedeutet.

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          Auch unter den Kultusministern ist ein Überbietungswettbewerb bei der Abiturregelung ausgebrochen. Am Dienstagnachmittag hat Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) angekündigt, wegen der gegenwärtigen Corona-Pandemie alle Prüfungen abzusagen. Sie will am Mittwoch im Kabinett in Kiel einen entsprechenden Beschlussvorschlag einbringen. Statt eigener Abschlussprüfungen sollen die Schüler in ihrem Bundesland Abschlusszeugnisse auf der Basis bisheriger Noten erhalten. Nachdem sie vorgeprescht war, wollte Prien sich mit anderen Ländern abstimmen, dass überall so verfahren wird.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Ein einheitliches Verfahren ist jedoch schon deshalb nicht mehr möglich, weil die Prüfungen etwa in Rheinland-Pfalz schon geschrieben sind. Hessen hat am Dienstag den vierten Tag der schriftlichen Prüfungen nach Angaben des hessischen Kultusministeriums mit einer leicht erhöhten Fehlquote absolviert. In einer Online-Petition zweier Hamburger Schüler mit rund 76000 Unterstützern war gefordert worden, allen Schülern eine Abiturnote zu geben, die sich aus den bisher erbrachten Leistungen der Oberstufe ergibt.

          Unterschiedliche Szenarien in den Bundesländern

          Wenn die Kultusministerkonferenz schon vor Beginn der Prüfungen in Rheinland-Pfalz und Hessen entschieden hätte, wäre es noch möglich gewesen, sich auf ein Ersatzverfahren zu einigen. Etwaigen Klagen wegen Ungleichbehandlung sind jetzt Tür und Tor geöffnet, auch wenn zwei Drittel der Abiturnoten bereits durch die Oberstufensemester in den Kursen erbracht worden. Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) verweist gegenüber dieser Zeitung darauf, dass die gegenseitige Anerkennung der Abiturleistungen schon jetzt gesichert sei. Unabhängig davon bereite sich jedes Land nach seinen Ferienterminen auf unterschiedliche Szenarien vor und entwerfe Lösungsmodelle. Schließlich gehe es nicht nur um Abiturprüfungen, sondern auch um den Mittleren Schulabschluss und um Hauptschulabschlüsse.

          Denn die Sommerferien beginnen unterschiedlich früh, Baden-Württemberg und Bayern sind mit ihrem späten Termin eindeutig im Vorteil, weil sie mehr Spielraum für Verschiebungen haben und der Nachschreibetermin ohnehin im Mai stattgefunden hätte. Sollte sich die Corona-Pandemie dann gerade auf dem Höhepunkt befinden und viele Schüler und Lehrer infiziert sein, ließe sich die Planung nicht halten. Alles hängt davon ab, wie sich die Infektionszahlen entwickeln, wie lange die Schulschließungen dauern und auf welche Weise sie aufgehoben werden. Es ist jedenfalls unwahrscheinlich, dass der Schulbetrieb sofort wieder überall vollständig aufgenommen wird, realistischer erscheint, dass die Klassen zeitversetzt an bestimmten Tagen unterrichtet werden.

          In Rheinland-Pfalz nur noch mündliche Prüfungen

          Bayern, Berlin, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, das Saarland, haben ihre Abschlussprüfungen verschoben, Brandenburg überlässt die Verlegung der Prüfungstermine auf den Nachschreibetermin den Schulleitern und Bremen hat den Prüfungszeitraum verlängert. Hamburg, Sachsen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wollen vorerst bei den bisher vorgesehenen Prüfungsterminen bleiben, so ist auch Hessen verfahren, dessen Schüler in diesen Tagen ihr schriftliches Abitur in völlig leeren Schulen schreiben. In Rheinland-Pfalz stehen ohnehin nur noch die mündlichen Prüfungen an. In den Ländern, die noch nicht entschieden haben oder ihre Prüfungstermine aufrechterhalten wollen, wächst der Druck durch die Eltern, Klarheit zu schaffen. Doch wer vermag zu sagen, wie sich die Pandemie entwickelt? Das trauen sich derzeit nicht einmal die Virologen zu.

          In einigen Ländern verbessern sich die Schüler durch die Prüfungen, in anderen gibt es immer eine leichte Verschlechterung (so in Hamburg). Der Stadtstaat hätte ohnehin Schwierigkeiten, das Abitur zu verschieben, die Sommerferien beginnen dort schon am 25. Juni. Neben den regulären Terminen nach dem 16. April soll es dort Nachschreibetermine und eine weitere Terminschiene, um jedem die Teilnahme zu ermöglichen, selbst wenn er in Quarantäne oder im Krankenstand ist. Abstands- und Hygienevorschriften würden auf jeden Fall eingehalten, versichert die Schulbehörde. Hamburg hat sich auch klar gegen den Ersatz der Abiturleistungen durch andere, vorher erbrachte Punkte ausgesprochen. Es gebe ein deutliches Bewertungsgefälle zwischen dezentralen Abiturleistungen (schuleigene Bewertungen) und zentralen Prüfungen (schriftliches Abitur). „Fielen diese Weg, könnte dies im Vergleich zu früheren Abiturjahrgängen zu besseren, allerdings künstlich erhöhten Abiturnoten führen“, so die Schulbehörde.

          „Die Abiturienten wollen vor allem Verlässlichkeit“

          Das ganze Schuljahr zu annullieren, schließen die Kultusminister aus. Die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzischen Kultusministerin Stefanie Hubig (SPD) versichert, dass das Schuljahr in jedem Fall gewertet wird. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger kritisierte: „Die Abiturienten wollen vor allem Verlässlichkeit. Verschiebungen können im Einzelfall sinnvoll sei. Aber die Länder sollten sich besser abstimmen“, sagte Meidinger.

          Auch wenn die Schulen weiter geschlossen bleiben sollten, könnten die Prüfungen bei größtmöglichem Infektionsschutz geordnet stattfinden. An diesem Donnerstag tagt der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz, Gesichert sein muss nur, dass die Hochschulen und Universitäten, sowie die Ausbildungsbetriebe Zulassungen und Ausbildungsbeginn entsprechend anpassen.

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