https://www.faz.net/-gpf-adusg

Besuch in Erftstadt : Laschet bittet um Entschuldigung für Lacher während Steinmeier-Rede

  • Aktualisiert am

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, lacht am Samstag in Erftstadt während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (nicht im Bild) ein Pressestatement gibt. Bild: dpa

In Erftstadt spricht Bundespräsident Steinmeier den von der Flutkatastrophe Betroffenen seine Anteilnahme aus. NRW-Ministerpräsident Laschet lacht im Hintergrund und erntet Kritik von SPD und FDP. Später zeigt er sich auf Twitter reumütig.

          3 Min.

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Menschen seine Anteilnahme ausgesprochen. „Wir trauern mit denen, die Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder verloren haben. Ihr Schicksal zerreißt uns das Herz“, sagte Steinmeier am Samstagmittag bei einem Besuch im besonders betroffenen Ort Erftstadt westlich von Köln. Er sprach dort zusammen mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) mit Betroffenen und Einsatzkräften. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am Sonntag in der schwer verwüsteten Region in Rheinland-Pfalz erwartet.

          Empört über Laschets Verhalten in Erftstadt zeigte sich am Samstag die SPD. Die Kritik bezog sich auf ein in den sozialen Medien kursierendes Video, in dem Laschet im Hintergrund zusammen mit Umstehenden lacht, während ein sichtlich betroffener Bundespräsident den Betroffenen Hilfe verspricht. Beide hatten sich zuvor gemeinsam ein Bild von der Lage vor Ort gemacht.

          Kühnert: Eine Frage des Charakters

          „Ich bin wirklich sprachlos“, schrieb SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil am Nachmittag auf Twitter und verlinkte auf das Video. SPD-Vizechef Kevin Kühnert schrieb auf Twitter: „eine Frage des Charakters“. Kritik kam auch aus der FDP. Fraktionsvize Michael Theurer sagte der Zeitung Bild am Sonntag: „Rheinische Frohnatur in Ehren, aber während der Bundespräsident der Opfer gedenkt herumzualbern ohne Maske, wird dem Ernst der Lage nicht gerecht.“

          Laschet, der sich für die Union um die Kanzlerschaft bewirbt, reagierte auf Twitter auf die Kritik. Er dankte dem Bundespräsidenten für seinen Besuch und fügte hinzu: „Uns liegt das Schicksal der Betroffenen am Herzen, von dem wir in vielen Gesprächen gehört haben. Umso mehr bedauere ich den Eindruck, der durch eine Gesprächssituation entstanden ist. Dies war unpassend und es tut mir leid.“

          Der Bundespräsident hatte am Samstag in Erftstadt zu Solidarität und Spenden für die Opfer aufgerufen. „Vielen Menschen hier in den Regionen ist nichts geblieben außer ihrer Hoffnung. Und diese Hoffnung dürfen wir nicht enttäuschen“, sagte Steinmeier.

          Er dankte den Einsatzkräften und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gemeindeverwaltungen, die die Einsatzleitung geschultert hätten, „im Namen aller Deutschen“. Viele hätten „bis zur Erschöpfung und jenseits davon gearbeitet“. Der Ruf nach Hilfe aus allen Teilen der Region sei „groß und drängend“. Aber den großen Verlust hätten diejenigen zu tragen, „die Angehörige verloren haben in den Fluten“, sagte Steinmeier weiter.

          „Das Wasser geht zurück, aber möglicherweise wird es in den nächsten Tagen sichtbar werden, welche Schäden bleiben“, sagte der Bundespräsident. Er mahnte: Die Menschen vertrauten darauf, dass die Solidarität auch dann bestehen bleibe, wenn das Thema nicht mehr die Schlagzeilen beherrsche.

          Laschet versprach, dass das Land Nordrhein-Westfalen „alles dafür tun“ werde, um unbürokratisch Direkthilfe für die Betroffenen zu organisieren. Danach müsse strukturell geholfen werden, alles wiederaufzubauen. Er sei froh, dass sowohl der Bund als auch die anderen Länder Unterstützung zugesagt hätten, äußerte Laschet. Es sei eine „nationale Aufgabe“, der betroffenen Region zu helfen. Land und Kommunen könnten dies nicht allein stemmen.

          Hoffnungsschimmer im Chaos

          Während sich das verheerende Hochwasser aus vielen Flutgebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz langsam zurückzieht, wird in den Trümmern weiterhin nach Todesopfern und Verletzten gesucht. Bis zum Samstagmittag stieg die Zahl der Toten auf mehr als 130. Allein im rheinland-pfälzischen Großraum Ahrweiler kamen nach Angaben der Polizei über 90 Menschen ums Leben. Es wird befürchtet, dass noch weitere hinzukommen, weil einige Autowracks und vollgelaufene Keller noch nicht kontrolliert werden konnten. Hunderte Menschen wurden laut Polizei verletzt.

          Autos stehen bei Erftstadt auf der überfluteten Bundesstraße 265 im Wasser. Bilderstrecke
          Hochwasserkatastrophe : Bilder wie aus einer anderen Welt

          Aber es gibt auch kleine Hoffnungsschimmer mitten im Chaos: Trotz mehrerer eingestürzter Häuser gab es zum Beispiel bislang keine bestätigten Todesopfer in dem extrem unter Wasser stehenden Stadtteil Blessem der nordrhein-westfälischen Kommune Erftstadt. Man könne aber nicht ausschließen, noch Tote zu finden, sagte ein Sprecher des Rhein-Erft-Kreises. In Blessem südwestlich von Köln war es zu gewaltigen Erdrutschen gekommen, es bildeten sich Krater im Erdreich, drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg stürzten ein.

          In Nordrhein-Westfalen gab es nach Angaben des NRW-Innenministeriums landesweit mindestens 43 Todesopfer und viele Verletzte. Für Rheinland-Pfalz hatte Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) am Freitag von 362 Verletzten gesprochen. Mehr als zwei Tage nach dem Unglück werden in den Regionen zudem immer noch Menschen vermisst.

          Tausende Rettungskräfte sind unter anderem in der Eifel im Einsatz, in Nordrhein-Westfalen halfen rund 23.000 Menschen aus. Hinzu kämen 700 Beamte der Landespolizei und Kräfte der Bundespolizei sowie Einsatzkräfte aus Hessen, Niedersachsen und Hamburg.

          Während die Lage in vielen linksrheinischen Gebieten von Nordrhein-Westfalen auch am Samstag angespannt bliebt, fielen in anderen Flussgebieten die Wasserstände deutlich. Lediglich im Einzugsgebiet der Ruhr überschritten einzelne Pegel noch die unterste Informationsstufe, hieß es im Lagebericht des Landesumweltamts (Lanuv). Das Rhein-Hochwasser bei Köln erreichte in der Nacht zum Samstag seinen Höchststand, danach fiel der Wasserstand wieder. Auch nach der Frühwarnprognose des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz nimmt die Hochwassergefahr ab.

          In vielen Ortschaften in Rheinland-Pfalz funktionierte auch am Samstag das Strom- und Telefonnetz nicht. Angehörige, Freunde oder Bekannte, die jemanden vermissen, können sich unter der Rufnummer 0800 6565651 bei der Polizei melden.

          Weitere Themen

          Nichtgeimpfte sollen Tests künftig selbst zahlen Video-Seite öffnen

          Scholz : Nichtgeimpfte sollen Tests künftig selbst zahlen

          SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz spricht sich in der Gesprächsreihe „Brigitte Live“ für Tests für Reiserückkehrer aus. Dabei betont er auch, dass freiwillig Nichtgeimpfte ihre Tests „dann irgendwann selber zahlen müssen.“

          Topmeldungen

          Hand in der Tasche, Hände zur Raute: Recep Tayyip Erdogan und Angela Merkel beim Nato-Gipfel Mitte Juni in Brüssel.

          Brief aus Istanbul : Flüchtlingserpressung geht immer

          Der türkische Präsident weiß, wie er den Westen packt: Nun nutzt Erdoğan das Versagen Europas und der USA in Afghanistan aus. Damit er in der Türkei weiter machen kann, was er will.
          Offenherzig: Pilot und Beiflieger sitzen in der Breezy im Freien und atmen dank des Heckmotors frische Luft.

          Fliegen in der Breezy : Ein Flugzeug zum Selberbauen

          Carl Friedrich Schmidt ist Musiker – und begeisterter Flieger. Für seine zweite Leidenschaft hat er sich deshalb ein eigenes Flugzeug gebaut. Mit einem Bausatz von Piper, Wankelmotor und viel Hingabe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.