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„Triell“ der Kanzlerkandidaten : Im Stakkato durch die Weltpolitik

Armin Laschet Annalena Baerbock und Olaf Scholz mit Tina Hassel und Botschafter Wolfgang Ischinger (von links) am Samstag in Berlin Bild: dpa

Der Anschlag in Mali und der Messerangriff in Würzburg beschäftigen Deutschland. Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz müssen vor allem andere Fragen beantworten.

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          An Werbung für das Aufeinandertreffen der drei Kanzlerkandidaten hatte es im Vorfeld wahrlich nicht gefehlt. Als „Triell“ hatten das ARD-Hauptstadtstudio und die Münchner Sicherheitskonferenz die Runde mit Armin Laschet (CDU), Annalena Baerbock und Olaf Scholz (SPD) vorab angekündigt. Das klingt nach intensiven Diskussionen, in denen die Politiker in die Offensive gehen, unter Druck geraten und dabei zeigen, wofür sie wirklich stehen. Ein guter Plan also; zumal nach den Ereignissen des gestrigen Tages.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Denn am Freitag kamen die mitunter weit weg wirkende außen- und sicherheitspolitische Realität vielen Deutsche schmerzlich nahe. Zunächst ereilte ein Selbstmordanschlag im westafrikanischen Mali dort stationierte Bundeswehrsoldaten. Zwölf von ihnen wurden rund 180 Kilometer nordöstlich von Gao verletzt. Dann stach in der Würzburger Innenstadt ein Somalier auf Passanten ein und tötete drei von ihnen, bevor er festgenommen werden konnte.  

          Scholz nimmt seine gewohnte Rolle ein

          Beide Ereignisse boten genug Stoff, um mit drängenden Fragen nach dem Kampf gegen den Terrorismus und dem Einsatz der Bundeswehr in Mali einzusteigen. Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel und der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger ließen sich von ihrem offenkundig vorher bereits gefassten Plan allerdings nicht abbringen. Ihr Ansinnen schien es zu sein, in den eineinhalb Stunden mit den Kanzlerkandidaten weniger ein „Triell“ als ein „Trinterview“ zu führen, bei dem sie möglichst viele „große“ Themen abhaken konnten: die Zukunft der transatlantischen Beziehungen etwa, der Zustand der Europäischen Union und, klar, der Umgang mit Russland und China. Flankiert wurden sie dabei auch noch von prominenten Gästen, allen voran dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, die in kurzen Einspielern jeder eine Frage an die Kandidaten stellen durften.

          Dass es nach der (noch kurzen) Frage von Tina Hassel nach der ersten Auslandsreise als Kanzler (Baerbock: Brüssel, Scholz: Paris, Laschet: offen) doch ziemlich rasch zunächst um Mali ging, lag dann an Armin Laschet, der das Land als erster ins Feld führte – als Beispiel für Deutschlands militärisches Engagement in der Welt. Dass dieses Terrain noch nicht seines ist, ließ er im weiteren Verlauf dann allerdings erkennen. Als Ischinger ihn fragte, ob er als Kanzler die Verantwortung übernehme werde, den „Ausbildungseinsatz“ in Mali nach dem Selbstmordanschlag fortzusetzen, bemerkte er den Fehler des Botschafters nicht. So sprach er auch selbst weiterhin davon, dass es sich in Mali um einen Ausbildungseinsatz handele; was bestenfalls die halbe Wahrheit und mit Blick auf das vom Anschlag betroffene Kontingent schlicht falsch ist.

          Baerbock zeigte sich da fachkundiger. Die UN-Mission MINUSMA – die vom Anschlag getroffen wurde – halte sie für richtig, die Ausbildungsmission EUTM Mali hingegen für falsch, weil von letzterer auch diktatorische Kräfte profitierten. Das sage auch Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. „Einfach abzuwarten, was andere Länder machen“, halte sie für falsch. „Deutschland braucht eine Haltung zu solchen Einsätzen.“ Die Rolle der idealistischen Falkin sollte Baerbock an diesem Abend immer wieder einnehmen.

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