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Landtagswahl in Hessen : „Verdammt, dann wählt uns doch“

  • -Aktualisiert am

CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Volker Bouffier auf einer Wahlkampfveranstaltung im Baunatal Bild: Daniel Pilar

Volker Bouffier regiert ein erfolgreiches Land, doch seine Umfragewerte sind schlecht. Berlin fährt ihm immer wieder in die Parade – und vielleicht ließ er die hessischen Grünen zu sehr glänzen.

          Bei ihrem ersten Auftritt im hessischen Wahlkampf gibt sich die Bundeskanzlerin selbstkritisch. „Wenn Sie Wut haben auf das, was in Berlin läuft, schreiben Sie mir einen Brief“, ruft Angela Merkel den Leuten im Saal eines Hotels am Stadtrand von Kassel zu. Und irgendwann komme „auch mal wieder eine Bundestagswahl“, da könnten sie doch ihren Unmut loswerden. „Aber jetzt geht es um Hessen.“ Die Bundeskanzlerin dreht also gewissermaßen Horst Seehofers Bild des „Watschnbaums“, der er nicht mehr sein will, einfach um – und bietet sich an, den Zorn abzufangen. Den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier aber solle man bitte verschonen.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Merkels Auftritt ist eine Verbeugung der Parteivorsitzenden vor ihrem Stellvertreter, die reichlich spät kommt. Bouffier hat einen langen, ermüdenden Wahlkampf hinter sich, bei dem immer, wenn man dachte, nun geht’s aber mal wieder aufwärts, eine weitere Watschn aus Berlin kam. Erst der heftige Streit mit der CSU, bei dem Bouffier fest an der Seite Merkels stand und sich sehr weit von seinen einstigen Freunden aus Bayern entfernte. Dann das Hin und Her um die Personalie des Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen. Und schließlich das Urteil über Fahrverbote in Frankfurt mit dem anschließenden Lavieren der großen Koalition. Zwischendurch sagte Bouffier stets: Jetzt habe die Bundesregierung das Signal gehört. Jetzt sei der Fehler „repariert“. Aber dann kam immer noch was.

          Die hessische CDU geriet dadurch ins Schlingern. Rutschte von 33 Prozent, die sie noch im Mai erreichte, auf derzeit 26 bis 27 Prozent. Tendenz fallend. Erst recht, seitdem nach der Landtagswahl in Bayern die Wahl in Hessen zur Schicksalswahl ausgerufen wurde: für die politische Zukunft Angela Merkels, für die große Koalition, ja die SPD insgesamt, aber natürlich auch für die politische Zukunft Volker Bouffiers. Stand jetzt wäre Schwarz-Grün abgewählt, obwohl die Grünen ihr Ergebnis verdoppeln könnten.

          Grüne haben CDU selbst auf dem Land überholt

          Dabei geht es Hessen wirtschaftlich gut. Das gilt selbst für Baunatal, ein Arbeiterstädtchen im immer noch recht roten Norden des Landes, genauer im Wahlkreis Kassel-Land-II. Hier holte die SPD stets das Direktmandat. Einst nannte man den Norden des Landes „Hessisch Sibirien“, aber mittlerweile liegt die Arbeitslosigkeit bei rund vier Prozent. Das ist weniger als in Frankfurt. Fachkräftemangel ist das größere Problem. An einem sonnigen Oktobertag tritt Bouffier vor einem Grillrestaurant in Baunatal auf. Die CDU hat „auf eine Currywurst“ geladen, vielleicht 30 Leute sind gekommen. Bouffier stellt sich vor das Restaurant, sagt ein paar Worte, aus denen schnell sehr viele werden.

          Volksnähe zeigen: Bouffier zum Anfassen im Baunatal

          An einem Tisch sitzen vier Rentner, zu ihren Füßen ein Hund. Sie lauschen Bouffier, der um ihre Zustimmung wirbt und die Erfolge im einst darbenden Norden preist. Im Anschluss sagt einer der Rentner: „Ich könnte hier als CDU-Mann genauso gut Grün wählen.“ Ein anderer, er ist Vorsitzender eines kleinen Ortsverbands, sagt, die Grünen hätten die CDU auch auf dem Land überholt. Die seien „frisch, jung, authentisch“ und setzten Themen, die die Leute bewegten: Umwelt, Familie, Verkehr, Zukunft. „Die haben hier auf dem Land eine Klientel angesprochen, die einst CDU gewählt hatte“, sagt der Mann.

          Die Grünen werden wohl die großen Gewinner der Landtagswahl am Sonntag sein. Einer Umfrage zufolge könnten sie zweitstärkste Kraft werden. Sie liegen – je nach Institut – zwischen 18 und 22 Prozent. Also nicht mehr allzu weit entfernt von der CDU. Als die beiden Parteien Anfang 2014 in das Bündnis gingen, trennten sie fast 20 Prozentpunkte.

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