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Warum Giesing jetzt grün ist : Andere Grüne, anderes Bayern

In Obergiesing stehen Ein- und Zweifamilienhäuser nur ein paar hundert Meter entfernt von größeren Wohnblöcken. Gegensätze kennzeichnen das Viertel auch sonst: Im „Riffraff“ treffen sich die Anhänger der Münchner Subkultur und vor allem der Münchner „Löwen“, neben dem FC Bayern der zweite große Fußballklub der Landeshauptstadt, der derzeit in der dritten Liga spielt. Ein paar Schritte weiter verkauft „Feinkost Cannova“ italienische Spezialitäten und der „Trepperlwirt“ zapft neben dem „Izmir Supermarkt“ Helles.

Weniger dogmatisch

Der Spagat zwischen Tradition und Moderne, für den ihr Stimmkreis stehe, habe sie gereizt, sagt Grünen-Politikerin Demirel. Und diesen Spagat zu schaffen, sei auch zentral für den Erfolg ihrer Partei. „Wir haben immer gesagt, die Traditionen, die die Menschen pflegen, vor denen haben wir einen hohen Respekt und die stellen wir auch nicht infrage.“ Gleichzeitig habe sie bei den Giesingern für eine Weiterentwicklung geworben, für neue Ideen. „Und das hat ganz gut funktioniert im Gespräch mit den Menschen.“

Dass der Wahlkampf so gut funktioniert hat für die Grünen, hat auch damit zu tun, dass sich Bayern verändert hat. Nicht dramatisch, aber schleichend, sagt Politikwissenschaftlerin Ursula Münch. „Und das liegt nicht nur an den neu Zugezogenen. Auch die Bevölkerung, die da ist, hat sich verändert.“ Natürlich gebe es zum Beispiel bei der Familienpolitik noch Wähler, die am klassischen Familienbild hingen, für das die CSU stehe. Aber die modernen Erwartungen von erwerbstätigen Familien, von Alleinerziehenden oder von jungen Frauen könnten inzwischen andere besser bedienen als die Christsozialen. Profitiert hätten die Grünen auch von ihrem weniger dogmatischen Auftreten in den vergangenen Monaten, sagt Münch.

Dass die bayerischen Grünen ihr Auftreten verändert haben, gibt auch Demirel zu – mit einer Einschränkung. „Ja, wir sind pragmatischer geworden. Aber mit klaren roten Linien. Mit uns gibt es nur eine proeuropäische, eine menschliche, eine ökologische Politik.“

An der „Riffraff“-Bar vorbei, wo sie im Wahlkampf zu einem Vernetzungstreffen für Alleinerziehende und einer Diskussionrunde zum Pflegenotstand eingeladen hat, macht sich die Grünen-Politikerin auf zum „Grünspitz“. Der sei eine anschauliche Antwort auf die Frage nach den Gründen für den Erfolg der Grünen, sagt sie.

Noch vor ein paar Jahren nutzte ein Autohändler die 2000 Quadratmeter große Fläche. Dann wurde sie zum Gemeinschaftsprojekt, sollte ein grüner Begegnungsraum für die Bewohner des Viertels sein, in dem es nur wenige Freiflächen gibt. „Das, was am Grünspitz entstanden ist, zeigt, dass unsere Ziele auch die Bedürfnisse der Menschen ansprechen“, sagt Demirel. Die Grünen-Politikerin steht unter hohen Kastanienbäumen inmitten von Palettenmöbeln, Gemeinschaftsbeeten und Spielgeräten. Hier wirkt das sonst so bodenständige München ein bisschen wie Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-St.Pauli. Und hier hat Demirel im Juli zum „Green Dinner“ geladen. Bei einem Abend mit vegetarischem Buffet und Samba-Band wollte sie die Giesinger noch besser kennenlernen.

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