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Lammert und seine Doktorarbeit : Teilnehmender Beobachter

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) Bild: dpa

Wenig spricht dafür, dass es sich bei Lammerts Doktorarbeit um Plagiate handelt. Zu kritisieren wäre eher die Fallstudie am eigenen CDU-Kreisverband.

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          Der Vorwurf an Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), nicht korrekt zitiert zu haben, weckt unweigerlich Erinnerungen an die jüngsten Plagiatsfälle von zu Guttenberg bis Schavan. Auch Lammert hat eine Rolle im Fall Guttenberg gespielt, als er dessen Verhalten als „Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie“ bezeichnete. So ähnlich vieles erscheinen mag, spricht im gegenwärtigen Fall wenig dafür, dass es sich bei Lammert um Plagiate im Sinne wörtlicher Übernahmen oder nicht eigenständiger Paraphrasen handelt. Der anonyme Plagiatsjäger, der sich Robert Schmidt nennt und dieselbe Person sein will, die auch Schavans Dissertation untersucht hat, findet keine Belege für wörtlich abgeschriebene Passagen. Lammerts Arbeit macht einen eigenständigeren Eindruck, ist auch stilistisch einheitlicher als etwa im besonders krassen Fall des damaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Typologisch entspricht sie einer Promotion als Studienabschlussarbeit, die in den fünfziger, sechziger und Anfang der siebziger Jahre üblich waren. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung umfasst 116 von insgesamt 224 Seiten, im Anhang findet sich das Literaturverzeichnis und eine ausführliche Dokumentation. Im Literaturverzeichnis der 1974 an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bochum eingereichten Dissertation mit dem Titel „Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung“ finden sich in der Tat fehlerhaft zitierte Werke, die Lammert offenkundig aus Büchern entnommen hat, die er zu Rate gezogen hat.

          Der Freiburger Politikwissenschaftler und frühere Rektor der Universität Wolfgang Jäger verweist etwa auf seinen im Jahr 1973 herausgegebenen Sammelband „Partei und System. Eine kritische Einführung in die Parteienforschung“, der eine Bestandsaufnahme mit ausführlicher Darstellung der damals wesentlich weiter entwickelten amerikanischen Parteienforschung sei. Es sei „völlig selbstverständlich“, dass Lammert darauf aufbaue. Jäger wird auch korrekt zitiert.

          Promotionsordnung aufgetaucht

          Allerdings habe er bei seinen Quellenangaben, die er auf Karteikarten exzerpierte, einen Fehler gemacht. Jäger zitiert nämlich aus einem Sammelband „W. Gagel (Hrsg.), Zur Rolle und Funktion der Parteien“ aus dem Jahre 1967, den es nicht gibt. Sonderlich gewieft könne der Plagiatssucher nicht gewesen sein, meint Jäger, er hätte sonst rasch herausbekommen, dass es einen von W. Gagel und R. Schörken herausgegebenen Sammelband gibt, dessen Titel „Politische Parteien im parlamentarischen Regierungssystem. Politische Bildung. Beiträge und Materialien zur wissenschaftlichen Grundlegung und zur Unterrichtspraxis. Jahrgang 1, Heft 1, 1967“ lautet. Jäger zitiert daraus einen Aufsatz mit Seitenangaben von Matthias Schmidt „Funktionen von Parteien im parlamentarischen Regierungssystem“. Spätestens hier hätte der Blogger hellhörig werden müssen, denn ein Aufsatz mit Seitenzahlen in einem Phantombuch zu erfinden, erscheint abwegig.

          Inzwischen liegt auch die von dem Blogger nicht gefundene, damals gültige Promotionsordnung der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bochum aus dem Jahre 1967 vor, die den Geist der 1962 gegründeten Reformuniversität atmet, in der man den Doktoranden vertraute. Nur in Paragraph 12 der Ordnung ist von möglichen Täuschungen die Rede. Werden sie vor der Aushändigung der Promotionsurkunde bekannt, „kann die Fakultät die Promotionsleistung für ungültig erklären“. „Für die Entziehung des Doktorgrades gelten die gesetzlichen Bestimmungen“, heißt es in Absatz 2 desselben Paragraphen, der damit auf das Allgemeine Verwaltungsverfahrensrecht (Paragraph 48, Rücknahme eines rechtswidrigen Verwaltungsaktes) verweist.

          Wenn es nach dem derzeitigen Kenntnisstand einen kritischen Einwand gegen diese Dissertation vorzubringen gäbe, dann wäre es die Fallstudie am eigenen CDU-Kreisverband, über dessen Entscheidungsprozesse der Autor nicht nur mehr wusste als andere, sondern an dessen Entscheidungen er auch selbst beteiligt war. Ob sich die Perspektive des teilnehmenden Beobachters wirklich für die wissenschaftliche Behandlung eines Gegenstandes eignet, könnte als fraglich erscheinen.

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