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Lachmann und die AfD : Auf die Holznase

Günther Lachmann wollte sich der AfD andienen. Bild: Picture-Alliance

Der Wunsch nach Geld von der AfD hat den Journalisten Günther Lachmann seinen Job gekostet. Mit der Entlarvung dürfte mancher in der Partei unglücklich sein.

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          Gerüchte gibt es viele in der AfD. Von dem Parteimitglied aus Sachsen etwa, das angeblich interne Sitzungen für den Verfassungsschutz protokollierte. Von einem Funktionär, der aus Finanznot in einem Wohnwagen lebt. Von Drogenkonsum, Liebschaften und Verschwörungen. Oft sind es Geschichten, die sich nahtlos einfügen in ein Weltbild, in dem es auch sonst nicht an Theorien zu Geheimdiensten und finsteren Absichten staatlicher Stellen mangelt. Der Versuch, sie zu belegen, scheitert regelmäßig. Niemand weiß genaues, von Beweisen habe man nur gehört, heißt es dann.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch Günther Lachmann war lange Gegenstand von Gerüchten. Der frühere und seit Samstag entlassene Journalist der Zeitung „Die Welt“ gehörte zu den Bestinformierten, was die politischen Innereien der AfD anbelangt. Und immer, wenn Lachmann einen Artikel schrieb, der jemandem missfiel, wurde geredet: Lachmann habe mal um einen Beratervertrag gebeten, lautete das Gerücht. Er habe Geld verlangt von einer Partei, über die er als Journalist selbst berichtete. Von Belegen habe man gehört, hieß es, Zeugen gebe es, aber die Namen verrate man nicht, vorerst jedenfalls. So als laute die Botschaft: Lachmann solle sich überlegen, was er tue – sonst drohe ihm etwas.

          Das Etwas geschah am Samstag. Der Chefredakteur und Herausgeber der „Welt N24“-Gruppe, Stefan Aust, teilte über Twitter mit: „Die Welt trennt sich von Günther Lachmann.“ Die Entlassung war der Höhepunkt einer Affäre, die am 26. Januar begonnen hatte. Auf Facebook hatte der nordrhein-westfälische AfD-Landesvorsitzenden Marcus Pretzell Lachmann vorgeworfen, seit Juli 2015 besonders kritisch über Pretzells Lebensgefährtin, die AfD-Vorsitzende Frauke Petry, berichtet zu haben. Sein jüngster Artikel habe „der Sache die Krone“ aufgesetzt.

          Jubelartikel über Pegida

          Soweit, so üblich ist solche Medienschelte in AfD-Kreisen. Doch Pretzell war noch nicht fertig. Grund für Lachmanns Verhalten sei, dass er im Juli 2015 gefragt habe, „ob er die AfD im Pressebereich beraten könne“ – sozusagen als „Teilzeit-Pressestrategie-Berater“ (Pretzell), und für einen Lohn von „4000 Euro“ im Monat. Am Samstag dann veröffentlichte die rechtsnationale Zeitung „Junge Freiheit“ einen Artikel, in dem aus angeblichen E-Mails von Lachmann an Pretzells Sprecherin Kerstin Garbracht zitiert wurde. Danach arbeitete Lachmann an Konzeptpapieren für die AfD und schickte sie an Garbracht. Einmal soll er einen „Spiegel“-Artikel geschickt haben mit dem Kommentar: „Wollen wir da nicht dagegenhalten?“ Stunden nach dieser Veröffentlichung war Lachmann entlassen. Er selbst hatte alle Vorwürfe stets bestritten und wollte am Sonntag keine Stellungnahme abgeben.

          Die Geschichte von Lachmann und der AfD ist reich an Ironie. Mit Lachmann beschädigt die AfD keinen, der die Partei rundheraus ablehnt, im Gegenteil. Lachmanns Ehefrau Karin betreibt einen nationalkonservativen Internetblog namens „Geolitico“. Dort finden sich neben Texten ihres Ehemannes etliche Jubelartikel über Pegida und den AfD-Politiker Björn Höcke sowie empörte Meinungsartikel über die angebliche Voreingenommenheit der „Mainstream-Medien“. Im Machtkampf zwischen Lucke und Petry galt Lachmann sogar als Petry-Vertrauter. „Lachmann war der Kronzeuge der Lucke-Gegner, er hat zum großen Teil zur Niederlage des Lucke-Flügels beigetragen“, sagt etwa der Münchner Stadtrat André Wächter (Alfa) und frühere AfD-Landesvorsitzende in Bayern.

          Dass Pretzell mit Lachmann ausgerechnet einen Nationalkonservativen vernichtet, weil dieser zwar AfD-freundlich, aber Petry-kritisch zu sein schien, gefällt nicht jedem. Der stellvertretende Parteivorsitzende Alexander Gauland sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Angelegenheit sei „Privatsache von Marcus Pretzell“. Der Deutschen-Presse-Agentur sagte er zudem, das Vorgehen Pretzells entspreche „nicht unserer Politik“. Unter der Entlarvung angeblich käuflicher Journalisten hatte sich wohl auch Gauland etwas anderes vorgestellt, als dass ausgerechnet ein Verbündeter im Geiste unter Verdacht geraten würde.

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