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Kurt Beck : Ein seltener Typus

  • -Aktualisiert am

Sein letzter Coup bewies seine politische Schläue: Kurt Beck Bild: dpa

Er wurde belächelt, weil er aus der Provinz kommt wie Helmut Kohl und in der Hauptstadt fremdelte. Das war ein Fehler. Die SPD wird bald merken, was sie an Kurt Beck hatte.

          Mehr als 18 Jahre wird Kurt Beck in Mainz als Ministerpräsident regiert haben, wenn er in wenigen Monaten mit der Politik aufhört. Regierungsjahre zählen für einen Politiker heutzutage doppelt und dreifach. Becks Jahre sind deshalb eine seltene Leistung, die Respekt verdient. Seinen nun doch überraschend schnellen, aber bitteren Abschied von Macht und Ämtern wird sich Beck anders vorgestellt haben. Man darf ihm abnehmen, dass es nicht die politischen Begleitumstände, sondern wirklich ernste gesundheitliche Probleme sind, die den 63 Jahre alten Sozialdemokraten zur Aufgabe seiner kräftezehrenden, aber geliebten Ämter bewegen.

          Zwar wären das Finanzdebakel und der Skandal um den von ihm gewünschten Freizeitpark am Nürburgring schon vor Jahren ein guter Grund zu einem Abgang in Würde gewesen. Doch Beck wollte sich nicht vom Hof jagen lassen - weder von Parteifreunden wie im September 2008 als getriebener SPD-Vorsitzender am Schwielowsee noch von einer forschen Oppositionsführerin Julia Klöckner, die ihm ohne Mehrheit das Misstrauen aussprach. Wenn Beck gewunden davon sprach, er übernehme die politische Gesamtverantwortung für den Schaden am Ring, war Rücktritt nie eine Option.

          Beck versteht politische Verantwortung im Sinne eines Handwerkers, der sich über seinen Pfusch am Bau ärgert, aber Fehler nur widerwillig eingesteht. Der Maurersohn aus der Pfalz wollte die von ihm windschief und mit faulen Krediten eröffnete Baustelle Nürburgring noch zu einem halbwegs guten Ende bringen, um seinen politischen Erben nicht nur mehr als 300 Millionen Schulden zu hinterlassen. Die Erblast Nürburgring wird in den nächsten Jahren dennoch wie ein Schatten seine Bilanz verdunkeln.

          Wegen seines Dialekts geschmäht

          In der SPD, und das nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern auch im Bund, werden viele jedoch noch merken, was sie an dem in Berlin als „Provinzonkel“ mit pfälzischem Dialekt geschmähten Beck hatten. Der als Parteivorsitzender seinerzeit integrierende und nicht intrigierende Beck verkörpert einen selten gewordenen Typus Politiker, der nicht nur der SPD fehlt. Mit der 2006 errungenen absoluten Mehrheit verlor er - siehe Nürburgring - die Bodenhaftung und wohl auch seinen politischen Instinkt für das als Politiker wirtschaftlich Machbare. Sein Credo „Nah bei de Leut“ ist jedoch nie eine plumpe Inszenierung von Volksnähe und anbiedernder Kumpeltour gewesen. Als Beck, noch als SPD-Vorsitzender, einem jungen Arbeitslosen, der ihn als herzlosen Hartz-IV-Erfinder anpöbelte, eine Rasur und einen Friseur zur erfolgreichen Jobsuche empfahl, war dies der Rat eines Sozialdemokraten alter Schule wie Holger Börner oder Georg Leber. Auf die Sorgen der „kleinen Leute“, die sich als Handwerker, Arbeiter und Winzer mit harter und ehrlicher, aber nicht unbedingt gut bezahlter Arbeit durchs Leben schlagen, hat der Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen die Politik und viele Entscheidungen im Land ausgerichtet. Das war ein Kurs mit vielen sozialen Wohltaten und staatlichen Investitionen. Beck hinterlässt deshalb ein Land mit hohen Schulden, das sich seinen Platz im oberen Drittel der Bundesländer teuer erkauft hat. Zwölf erfolgreiche Jahre konnte er dabei auf die FDP mit Rainer Brüderle zählen, der ihn von Abenteuern wie dem am Nürburgring abhielt. Gemeinsamer Adressat war der Mittelstand.

          König Kurt bestellt sein Reich

          Peer Steinbrück war einer von denen, die „König Kurt“ belächelten. Er könnte jetzt von ihm lernen. Beck konnte mit FDP und Grünen, er konnte Brücken bauen, stand nicht für die Rechte oder Linke, sondern für eine Mitte, die pragmatisch handelte und doch auch den linken Flügel samt Gewerkschaften einband, ohne sich zu verbiegen.

          Einen Coup gegen die schon vier Jahre vor der nächsten Landtagswahl siegessicher wirkende CDU-Spitzenkandidatin Klöckner hat Beck mit der Berufung seiner Gesundheitsministerin Malu Dreyer zur Nachfolgerin gelandet. Wegen ihrer seit langer Zeit bekannten Erkrankung an multipler Sklerose schien die 51 Jahre alte SPD-Frau aus Sicht der CDU nicht dafür in Frage zu kommen. Ein gesundheitlich angeschlagener Ministerpräsident könne schließlich nicht durch eine gesundheitlich angeschlagene Politikerin ersetzt werden, glaubte man sich dort auf der sicheren Seite. Dort rechnete man mit einem der „Gehilfen“ Becks beim Nürburgring-Fiasko, mit Innenminister Lewentz oder dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Hering. Ein voreiliger Schluss. Mit der Benennung der von der SPD geschickt emotional zur „Königin der Herzen“ ausgerufenen und von der Nürburgring-Affäre unbelasteten Frau Dreyer haben die Pläne Julia Klöckners zur Rückeroberung der Macht nach 25 Jahren Opposition einen Dämpfer bekommen. Gegen eine Landesmutter, die tapfer gegen ihr Schicksal kämpft, dabei sympathisch ist und überdies durch langjährige Regierungserfahrung wie Kurt Beck den SPD-Markenkern „soziale Gerechtigkeit“ glaubwürdig abdeckt, wird es ein schwerer Wahlkampf.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

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