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Kurt Beck : „Am Bart lag es nicht“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Koester

Kurt Beck resümiert ein für ihn dramatisches Jahr. Nun sei klar, „dass alles Unfug war, was da über mich geschrieben worden ist“, folgert der aus dem Amt geputschte einstige Parteivorsitzende aus den derzeit miserablen Umfragewerten für die SPD im Bund - und ist wieder ganz in seinem Element.

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          Als Kurt Beck die Frage beantwortet, ob ihn die derzeit miserablen Umfragewerte für die SPD im Bund von 23 Prozent wunderten, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. „Jetzt ist jedenfalls klar, dass alles Unfug war, was da über mich geschrieben worden ist. An meinem Bart lag es nicht, dass es der SPD schlecht ging.“

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Etwas mehr als drei Monate ist es her, dass ein innerlich tief verletzter Beck in der Nacht zum 7. September nach gezielten Indiskretionen aus der eigenen Partei für sich keinen anderen Ausweg mehr sah, als den SPD-Vorsitz abzugeben. Die traumatischen Stunden in jener Sitzung des SPD-Präsidiums am Schwielowsee in Brandenburg scheint Beck inzwischen verarbeitet zu haben.

          Wieder ganz in seinem Element

          Wie in jedem Jahr seit seinem Amtsantritt 1994 hat der rheinland-pfälzische Ministerpräsident zwei Wochen vor Weihnachten zum „Gesprächsessen“ in die hoch über Mainz auf der Bastei liegende Staatskanzlei gebeten. An weihnachtlich dekorierten Tischen und bei pfälzischer Kartoffelsuppe, Hirschgulasch und Lebkuchenparfait ist an diesem Dienstagabend ein fröhlicher Kurt Beck zu erleben, der sich wieder ganz zu Hause und in seinem Element als bürgernaher Landesvater fühlt.

          Seinen bitteren Erfahrungen im Berliner Haifischbecken mit gegen ihn intrigierenden Spin-Doktoren aus der eigenen Partei kann der in der Hauptstadt als Provinz-Bürgermeister verspottete Beck inzwischen sogar Heiteres abgewinnen. „Bei der Lektüre von Zeitungsberichten über die SPD könnte ich jetzt mit hoher Trefferquote sagen, wer was wo lanciert hat.“

          „Meine Aufgabe nicht zu Ende geführt“

          Dass dennoch Narben übrig geblieben sind nach zweieinhalb Jahren verzehrenden Dauerkampfs an der Spitze der SPD mit Medien und Genossen verrät Becks Antwort auf die Frage, was ihm als schlechte Erfahrung aus dieser Zeit in Erinnerung bleibe. „Ich werde es immer als negativ einstufen, meine Aufgabe nicht zu Ende geführt zu haben. Da steckt auch ein Stück Tragik dahinter.“ Stolz ist er darauf, dass unter seiner Führung das neue Grundsatzprogramm der SPD verabschiedet worden ist. Und er wiederholt seinen in diesen drei Monaten des Öfteren geäußerten Satz, der für ihn in Berlin eine Richtschnur gewesen ist: „Mit einigem Abstand kann ich mit Befriedigung sagen: Ich habe mich nicht verbiegen lassen.“

          Das Verhältnis zu seinem ungeliebten Nachfolger Franz Müntefering beschreibt Beck in seiner Tischrede etwas gewunden als inzwischen „normaler im Umgang miteinander“. Mit Müntefering habe er erst vor wenigen Tagen besprochen, dass er für den Kontakt zwischen der SPD und den Kirchen zuständig sein werde. Seine Arbeit in Berlin werde er als Ministerpräsident im Bundesrat nicht „einschränken“, zu „allen SPD-Bundesministern habe ich intensiven Kontakt“.

          Sogar Lob für die Kanzlerin

          Viel Lob erfährt seine bis zum Schluss wichtigste Verbündete im Machtkampf um die Parteiführung: „Andrea Nahles ist ein großes politisches Talent. Die macht ihre Sache gut. Das ist eine Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Sie weiß, wo die Klammer in der Partei ist, wenn man wieder zusammenkommen muss.“ Sogar die Bundeskanzlerin erhält Lob für ihr Wirtschaftskrisenmanagement, die Beck in seiner Zeit als SPD-Vorsitzender ein ums andere Mal wegen Untätigkeit bei wichtigen Problemen scharf attackiert hatte: „Ich halte die Kritik an Frau Merkel für verfehlt. Was gemacht worden ist, ist richtig.“

          In Rheinland-Pfalz, wo Beck alle Betriebe und Betriebsräte persönlich kennt, hat er als erster Regierungschef eines Bundeslandes auf die Folgen der Rezession mit einem eigenen Sofortprogramm reagiert. Mittleren und kleinen Unternehmen, die durch die Finanzkrise und die zögernde Kreditvergabe der Banken in akute Liquiditätsnöte geraten sind, hilft das Land mit Bürgschaften. Bisher, so berichtet Beck, haben sich innerhalb weniger Tage 150 Unternehmen in der Staatskanzlei gemeldet, von denen 80 dringend Finanzhilfen brauchen.

          Anders als seine Unionskollegen Horst Seehofer, Günther Oettinger und Jürgen Rüttgers hat Beck zu seiner großen Freude in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten ein großes Problem weniger: „Die Sorge um eine eigene Landesbank mit Milliardenschulden habe ich nicht.“ Schon seit 1993 ist das Land nicht mehr an der Landesbank Rheinland-Pfalz beteiligt, die im Juli ihre Eigenständigkeit verlor und mit der Landesbank Baden-Württemberg fusionierte. Die 1100 Arbeitsplätze in Rheinland-Pfalz blieben bislang erhalten, das Problem der Milliardenlöcher hat nun die schwarz-gelbe CDU-Landesregierung in Baden-Württemberg.

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