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Kommandosoldaten reden : „Dem KSK fehlt ein Mogadischu“

Trainings-Weltmeister: Eine KSK-Einheit demonstrierte 2017 beim Tag der Bundeswehr ihr Können Bild: Imago

Nachdem im Garten eines Elitesoldaten ein Waffenlager und NS-Devotionalien entdeckt wurden, steht das gesamte Kommando Spezialkräfte unter Verdacht. Angehörige warnen vor einer Entfremdung von den politisch Verantwortlichen.

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          Der Schock sitzt immer noch tief bei denen, die sich sonst nicht leicht aus der Fassung bringen lassen. Seit dem jüngsten extremistischen Verdachtsfall beim Kommando Spezialkräfte (KSK) herrscht in der Graf-Zeppelin-Kaserne in Calw der Ausnahmezustand. Noch einmal will man nicht überrascht werden. Auf der elitären Bundeswehrtruppe lastet schon länger der Verdacht, ein allzu fruchtbares Biotop für extremistische Umtriebe zu sein. Der Fall Philipp S. aber hat das KSK am 13. Mai in seinen Grundfesten erschüttert. An jenem Mittwoch rückten auf dem Grundstück des Oberstabsfeldwebels und langjährigen Kommandosoldaten in Nordsachsen die Bagger an. Ermittler fanden zwei Kilogramm Sprengstoff PETN inklusive Zünder und Sprengschnur, ein Sturmgewehr des Typs AK-47 (Kalaschnikow), mehrere tausend Schuss Munition, zwei Messer und eine Armbrust. Die bis dahin bekannten Losnummern seien Bundeswehrbeständen zugeordnet worden, heißt es in einem vertraulichen Bericht des Verteidigungsministeriums vom 25. Mai an den Bundestag. Darüber hinaus seien auch „nationalsozialistische Devotionalien“ sichergestellt worden. S. wurde, noch während die Ermittler sein Grundstück untersuchten, in der Kaserne des KSK in Calw verhört. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, gegen Waffen- und Sprengstoffgesetze sowie das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen zu haben.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Am Montag der darauffolgenden Woche erreichte die Angehörigen des KSK ein Brief von ihrem Kommandeur, Markus Kreitmayr. Darin schrieb der Brigadegeneral, dass sich sein Verband gegenwärtig in der „schwierigsten Zeit seiner Geschichte“ befinde. Extremisten in den eigenen Reihen sagte er den Kampf an und stellte ihnen ein Ultimatum: Entweder sie verließen den Verband aus freien Stücken, oder sie würden gefunden und entfernt. Vor einer Woche dann setzte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) eine ministerielle Arbeitsgruppe ein, die nun binnen eines Monats das KSK auf strukturelle Schwächen gegenüber Extremismus durchleuchten und Vorschläge machen soll, wie sie abzustellen sind. Der Fall wiegt so schwer, dass eine Handvoll aktiver und ehemaliger Kommandosoldaten zum Gespräch mit dieser Zeitung bereit war. Solche Offenheit ist bei den verschwiegenen Spezialkräften sonst eher unüblich. Die Gesprächspartner eint die Sorge um die Zukunft des Verbandes. Ihre Namen bleiben auf ihren Wunsch hin anonym. „Ausgerechnet S.“, sagt ein Offizier, der viel Zeit in Einsätzen verbracht und wie der Verdächtige im KSK gedient hat. „Der Mann ist Kommandosoldat und war völlig unauffällig.“ Er habe alles mitgebracht für eine glückliche Zeit im Kommando, mit vielen Chancen und Möglichkeiten. Im Laufe seiner Zeit beim KSK sei er auch noch zum Heeresbergführer ausgebildet worden. Das mache man nicht nebenbei. Die Ausbildung erstrecke sich über ein ganzes Jahr, und auch danach brauche es einige Anstrengungen, um das Edelweiß mit den gekreuzten Eispickeln weiter auf der Brust tragen zu dürfen. Nichts habe für ihn darauf hingedeutet, dass S., der 2001 seinen Dienst im Verband antrat, in den Extremismus abdriften könne. Inzwischen ist bekannt, dass der Militärische Abschirmdienst (MAD) S. schon seit 2017 beobachtet. Damals hatte der Oberstabsfeldwebel an der Abschiedsfeier eines Kompaniechefs teilgenommen. Dabei soll er den Hitlergruß gezeigt haben. Die Verdachtsmomente hätten seinerzeit aber nicht „in der notwendigen Weise verdichtet werden“ können, heißt es in dem geheimen Dossier des Verteidigungsministeriums an die Obleute des Verteidigungsausschusses, „um gegen den Soldaten ein Disziplinar- oder Strafverfahren einleiten zu können“. Die Bearbeitung des Falles sei indes fortgesetzt worden. Das habe Anfang des Jahres zu dem Hinweis auf das Munitionsversteck geführt.

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