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Zurück an die Spitze : Verantwortung für das KSK

Ein Scharfschütze des KSK und sein „Spotter“ im Sommer 2018 bei der Ausbildung in der Schweiz Bild: Bundeswehr/Jana Neumann

Nazi-Lieder, Sabotage, Verrat, kiloweise fehlender Sprengstoff und Munition: Am Standort Calw wird sich viel ändern müssen. Aber nicht nur dort. Das Kommando muss ein verlässliches, hochwertiges strategisches Instrument Deutschlands sein.

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          Eine „Bewährungschance“ hat Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) denjenigen Soldaten versprochen, die nach der Teil-Auflösung des Kommandos Spezialkräfte (KSK) bleiben dürfen. Die verbliebenen Männer haben in den nächsten Monaten Gelegenheit, durch aktives Mitwirken bei den Reformen aus „ihrem“ KSK wieder unser aller Kommando zu machen: deutsche Spezialkräfte auf höchstem militärischem Niveau, aber fest auf dem Boden unserer Verfassung. Das KSK ist keine Truppe von Mietkriegern, sondern eine spezialisierte Formation im Dienste der Demokratie.

          Um das wieder ganz zu verinnerlichen, wird sich am Standort Calw viel ändern müssen. Teile des Kommandos haben ein inakzeptables Eigenleben entwickelt. Aus wünschenswerter Selbständigkeit wurde eine abwegige Selbstisolation. Dazu gehören zwei Seiten, diejenigen, die sich auf falsche Pfade begeben, aber auch die Vorgesetzten, Generäle, Staatssekretäre und Ministerinnen, die ihre Fürsorgepflicht für die Untergebenen in Calw nicht ausreichend wahrgenommen haben. Insofern ist es richtig, dass Kramp-Karrenbauer dem Kommando eine Vertrauenschance gibt, sein Ansehen zu erneuern und ihm eine festere Verankerung in Heer, Bundeswehr und letztlich der Gesellschaft ermöglicht.

          Kommandosoldaten werden ausgebildet, um in kleinen Teams unter wüsten Bedingungen zu kämpfen und zu überleben. Sie können Landsleute aus der Hand von Terroristen oder Piraten befreien, schaffen es, ohne großes Aufsehen gesuchte Kriegsverbrecher zu ergreifen. Aber wenn sie Waffen und Munition im Garten vergraben, Nazi-Lieder grölen oder ihre Funkkennung bewusst auf die Zahl 88 –  „Heil-Hitler“ – einstellen, sich in dubiosen Kameradschaften und Vereinen organisieren, die der Verfassungsschutz beobachtet, dann wird es Zeit, dagegen mit Härte vorzugehen. Beim KSK ist all das passiert. Getan wurde allerdings sehr lange zu wenig.

          Schlimmer noch: Interne Ermittlungen gegen KSK-Soldaten wurden sabotiert, Durchsuchungsmaßnahmen vorab verraten. Kameraden deckten sich gegenseitig, sprachen ihre Aussagen ab. Zeitweise mussten zivile Ermittler den Eindruck gewinnen, sie hätten es mit einem Rockerclub zu tun und nicht mit gut besoldeten Staatsdienern, die ihren Eid auf die Verfassung geschworen haben. Größtes Aufsehen erregte ein Fall, wo treue Untergebene einen Kompaniechef feierten, der nebenbei öffentlich als Wettkampfschläger auftrat. Man kann sich das sogar auf Videos ansehen. Die Zusammenkunft wurde öffentlich, weil eine junge Frau, die bei der Party als Sex-Geschenk für den Muskelmann gedacht war, später das rechtsradikale Gegröle und Hitler-Grüße bei der Sause öffentlich machte.

          Die halbherzigen internen Ermittlungen verliefen vor drei Jahren weitgehend im Sande, von „einer Mauer des Schweigens“ in der betreffenden 2. Kompanie war die Rede. Das ganze wurde schließlich als Geschmacklosigkeit abgetan, zuweilen sogar augenzwinkernd: So sind sie halt, die harten Jungs. Solche Bilder vom Kommandosoldaten sind im Grunde eine schwere Beleidigung für die Männer. Neben körperlicher Fitness müssen sie nämlich über hohe technische Kompetenz, extreme Reaktionsgeschwindigkeit, überragende Teamfähigkeit und hellwache Sinne verfügen. Die Ausbildung dauert Jahre, sie ist physisch so fordernd wie psychisch. Dennoch sind Soldaten des KSK trotz angeblich genauester Überprüfung auf Abwege geraten, politisch, persönlich, möglicherweise auch militärisch. Das Verteidigungsministerium räumt jetzt zerknirscht ein, dass man das längst hätte erkennen müssen. Vom Kompaniechef an aufwärts seien über Jahre die Anzeichen entweder übersehen oder ignoriert worden. Ein Abgrund von Führungsversagen in einer Bundeswehr, die sich viel auf ihre „Innere Führung“ einbildet.

          Allerdings, und hier liegt schon einer der Webfehler des Kommandos, gehörte das KSK eigentlich gar nicht mehr so richtig zur Bundeswehr. Bezeichnenderweise sagte Kramp-Karrenbauer am Mittwoch, das Kommando müsse in die Bundeswehr „re-integriert“ werden. Viele Kommandosoldaten empfinden sich als eine ganz eigene, abgeschlossene Klasse – hier wir, dort die Bundeswehr. Umgekehrt haben Bundeswehr und Verteidigungsministerium das KSK in einer Weise allein gelassen, wie man das kaum für möglich gehalten hat. Als Generalinspekteur Eberhard Zorn am Mittwoch gefragt wurde, wie viele Kommandosoldaten derzeit wo dienen, gab er eine kurze, präzise Antwort: 30 Mann bei einer Task-Force 888 in Afghanistan. Vor einer Woche wäre eine solche Auskunft noch als Geheimnisverrat geahndet worden. Ebenso verhält es sich mit den Angaben über frühere Einsätze des Kommandos. Aber warum nicht Geschichten von Erfolgen – manchmal auch Niederlagen – erzählen, wie man das von anderen Spezialkräften kennt, den Navy Seals etwa. Es muss ja nicht gleich Hollywood sein. In Deutschland erscheinen frühere Kommandosoldaten medial höchstens als Psychopathen am Vorstadt-Tatort. 

          Schlamperei ist noch die harmloseste Deutung

          Die Liste der nun endlich ergriffenen Maßnahmen zeigt auch, welche Fürsorge-Zustände am Standort Calw jahrelang herrschten: die Nachwuchsauswahl in der Hand einiger weniger, mitunter extremer Männer, die Karriereverläufe unter weitgehender Kontrolle ewig dort stationierter Vorgesetzter, die ihre Führungskompetenz seit Jahren und manchmal Jahrzehnten nie anderswo beweisen mussten. Fortbildungen an der Führungsakademie – Fehlanzeige, Controlling der Abläufe – nichts da. Selbst bei der Buchführung über Waffen und in Munitionskammern haben wohl wilde Zustände geherrscht. Mehr als 60 Kilo Sprengstoff fehlen derzeit, dazu mehrere zehntausend Schuss Munition. Eine Generalinventur soll jetzt klären, ob eigentlich alle Waffen und Spezial-Ausrüstungen noch da sind. Für die Fehlbestände ist Schlamperei noch die harmloseste Deutung. Was, wenn weitere KSK-Angehörige im Garten, im Wald  Waffen- und Munitionsdepots angelegt haben, so wie der Unteroffizier, der kürzlich in Sachsen verhaftet wurde und seitdem schweigt?

          Deutsche Kommandosoldaten gehören zu den weltweit besten. Einige von ihnen müssen das Vertrauen, das die deutsche Demokratie in sie setzt, auch durch besondere politische Zuverlässigkeit neu rechtfertigen. Schwer bewaffnete Halb- oder gar Antidemokraten sind für das Gemeinwesen eine Bedrohung. Das Kommando muss ein verlässliches, hochwertiges strategisches Instrument Deutschlands und seiner Partner in einer Welt voller Bedrohungen und Ungewissheiten sein. 

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

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