https://www.faz.net/-gpf-a10gf

Zurück an die Spitze : Verantwortung für das KSK

Ein Scharfschütze des KSK und sein „Spotter“ im Sommer 2018 bei der Ausbildung in der Schweiz Bild: Bundeswehr/Jana Neumann

Nazi-Lieder, Sabotage, Verrat, kiloweise fehlender Sprengstoff und Munition: Am Standort Calw wird sich viel ändern müssen. Aber nicht nur dort. Das Kommando muss ein verlässliches, hochwertiges strategisches Instrument Deutschlands sein.

          4 Min.

          Eine „Bewährungschance“ hat Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) denjenigen Soldaten versprochen, die nach der Teil-Auflösung des Kommandos Spezialkräfte (KSK) bleiben dürfen. Die verbliebenen Männer haben in den nächsten Monaten Gelegenheit, durch aktives Mitwirken bei den Reformen aus „ihrem“ KSK wieder unser aller Kommando zu machen: deutsche Spezialkräfte auf höchstem militärischem Niveau, aber fest auf dem Boden unserer Verfassung. Das KSK ist keine Truppe von Mietkriegern, sondern eine spezialisierte Formation im Dienste der Demokratie.

          Um das wieder ganz zu verinnerlichen, wird sich am Standort Calw viel ändern müssen. Teile des Kommandos haben ein inakzeptables Eigenleben entwickelt. Aus wünschenswerter Selbständigkeit wurde eine abwegige Selbstisolation. Dazu gehören zwei Seiten, diejenigen, die sich auf falsche Pfade begeben, aber auch die Vorgesetzten, Generäle, Staatssekretäre und Ministerinnen, die ihre Fürsorgepflicht für die Untergebenen in Calw nicht ausreichend wahrgenommen haben. Insofern ist es richtig, dass Kramp-Karrenbauer dem Kommando eine Vertrauenschance gibt, sein Ansehen zu erneuern und ihm eine festere Verankerung in Heer, Bundeswehr und letztlich der Gesellschaft ermöglicht.

          Kommandosoldaten werden ausgebildet, um in kleinen Teams unter wüsten Bedingungen zu kämpfen und zu überleben. Sie können Landsleute aus der Hand von Terroristen oder Piraten befreien, schaffen es, ohne großes Aufsehen gesuchte Kriegsverbrecher zu ergreifen. Aber wenn sie Waffen und Munition im Garten vergraben, Nazi-Lieder grölen oder ihre Funkkennung bewusst auf die Zahl 88 –  „Heil-Hitler“ – einstellen, sich in dubiosen Kameradschaften und Vereinen organisieren, die der Verfassungsschutz beobachtet, dann wird es Zeit, dagegen mit Härte vorzugehen. Beim KSK ist all das passiert. Getan wurde allerdings sehr lange zu wenig.

          Schlimmer noch: Interne Ermittlungen gegen KSK-Soldaten wurden sabotiert, Durchsuchungsmaßnahmen vorab verraten. Kameraden deckten sich gegenseitig, sprachen ihre Aussagen ab. Zeitweise mussten zivile Ermittler den Eindruck gewinnen, sie hätten es mit einem Rockerclub zu tun und nicht mit gut besoldeten Staatsdienern, die ihren Eid auf die Verfassung geschworen haben. Größtes Aufsehen erregte ein Fall, wo treue Untergebene einen Kompaniechef feierten, der nebenbei öffentlich als Wettkampfschläger auftrat. Man kann sich das sogar auf Videos ansehen. Die Zusammenkunft wurde öffentlich, weil eine junge Frau, die bei der Party als Sex-Geschenk für den Muskelmann gedacht war, später das rechtsradikale Gegröle und Hitler-Grüße bei der Sause öffentlich machte.

          Die halbherzigen internen Ermittlungen verliefen vor drei Jahren weitgehend im Sande, von „einer Mauer des Schweigens“ in der betreffenden 2. Kompanie war die Rede. Das ganze wurde schließlich als Geschmacklosigkeit abgetan, zuweilen sogar augenzwinkernd: So sind sie halt, die harten Jungs. Solche Bilder vom Kommandosoldaten sind im Grunde eine schwere Beleidigung für die Männer. Neben körperlicher Fitness müssen sie nämlich über hohe technische Kompetenz, extreme Reaktionsgeschwindigkeit, überragende Teamfähigkeit und hellwache Sinne verfügen. Die Ausbildung dauert Jahre, sie ist physisch so fordernd wie psychisch. Dennoch sind Soldaten des KSK trotz angeblich genauester Überprüfung auf Abwege geraten, politisch, persönlich, möglicherweise auch militärisch. Das Verteidigungsministerium räumt jetzt zerknirscht ein, dass man das längst hätte erkennen müssen. Vom Kompaniechef an aufwärts seien über Jahre die Anzeichen entweder übersehen oder ignoriert worden. Ein Abgrund von Führungsversagen in einer Bundeswehr, die sich viel auf ihre „Innere Führung“ einbildet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.
          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.