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Kritik an Ramelows Vorschlag : „Hände weg von unserer Nationalhymne“

  • Aktualisiert am

Bodo Ramelow kann beim Singen der Nationalhymne das „Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden“. (Archivbild) Bild: dpa

Eine neue Nationalhymne? Mit dieser Forderung stößt Thüringens Ministerpräsident bei Politikern von Union und AfD auf wenig Gegenliebe. Er wolle nur Akzente im Wahlkampf setzen, heißt es. Doch Bodo Ramelow verteidigt seine Idee.

          Mit seiner Forderung nach einer neuen Nationalhymne hat Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) für Wirbel gesorgt. Er singe zwar die dritte Strophe des Deutschlandlieds mit, könne aber „das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden“, sagte Ramelow der „Rheinischen Post“. Heftiger Widerspruch kam aus CSU und AfD. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) schlug vor, zeitgenössische Dichter neue Strophen schreiben zu lassen.

          Ramelow sagte der „Rheinischen Post“ vom Donnerstag, viele Ostdeutsche würden die Hymne nicht mitsingen. Er wünsche sich, „dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten“. Bisher habe dieser Wunsch „leider immer nur für empörte Aufregung gesorgt“. Ramelow plädierte für „etwas ganz Neues“ – „einen neuen Text, der so eingängig ist, dass sich alle damit identifizieren können und sagen: Das ist meins.“

          CSU-Generalsekretär Markus Blume sagte der „Rheinischen Post“ hingegen: „Hände weg von unserer Nationalhymne.“ Wenn Ramelow „ein Problem mit Einigkeit und Recht und Freiheit hat, dann sollte er seine Haltung überdenken, aber nicht unsere Nationalhymne ändern“, fügte Blume hinzu.

          AfD-Fraktionschef Alexander Gauland erklärte, Ramelow beweise mit seiner Forderung, dass die Linkspartei „noch immer nicht ihren Frieden mit der Deutschen Einheit gemacht hat“. Der thüringische Ministerpräsident wolle offenbar den „Kampf gegen den deutschen Nationalstaat“ vorantreiben.

          Thierse: Hymne ergänzen lassen

          Der frühere Berliner Kultursenator Christoph Stölzl (CDU) sagte dem Südwestrundfunk, die Generation seit 1989 kenne das Lied als ganz normale Hymne. Die jungen Menschen hätten „vermutlich nicht so viele Bilder im Kopf, die Herr Ramelow als historisch gebildeter Mann präsent hat“.

          Stölzl wies auch das Argument zurück, viele Ostdeutsche könnten sich mit der Hymne nicht identifizieren. „Es ist nicht die westdeutsche Hymne gewesen, sondern es war die Hymne der Weimarer Republik“, sagte der Historiker. Offenbar habe Ramelow aber „Akzente“ im Wahlkampf setzen wollen – in Thüringen wird Ende Oktober ein neuer Landtag gewählt.

          Auch Wolfgang Thierse bezweifelte, dass die Ostdeutschen ein Problem mit der Nationalhymne haben. Zugleich brachte er einen eigenen Vorschlag in die Debatte ein: „Ich könnte mir vorstellen, die Hymne ergänzen zu lassen, um eine zweite und dritte Strophe, geschrieben von zeitgenössischen Dichtern“, sagte er dem Nachrichtenportal „t-online.de“.

          Ramelow verteidigte seine Aussagen: „Ich habe nur wiederholt, was ich seit vielen Jahren stoisch sage. Es muss doch erlaubt sein, 30 Jahre nach dem Mauerfall einen Vorschlag des Runden Tisches aus der Wendezeit in Erinnerung zu rufen“, sagte der Politiker am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt. Auch der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) habe 1990 vor der Wiedervereinigung für eine neue, gemeinsame Hymne geworben.

          Die Reaktionen, die seine Äußerung hervorgerufen habe, zeigten, „dass es in diesem Punkt offenbar ein emotionales Problem gibt“, so Ramelow. „Warum tun wir uns so schwer mit einer von Ost und West getragenen Nationalhymne, die alle mit Freude mitsingen?“ Der Runde Tisch hatte in der Wendezeit die Kinderhymne von Bertolt Brecht als Nationalhymne für das wiedervereinigte Deutschland vorgeschlagen.

          Unterstützung erhielt Ramelow vom sächsischen Linksfraktionschef Rico Gebhardt, der die Diskussion „überfällig“ nannte. Er sprach sich für die „Kinderhymne“ von Bertolt Brecht als Ersatz für die Nationalhymne aus. Diese entspreche „einem aufgeklärten Heimatverständnis, das keinen Platz für Nationalismus und übersteigerten Patriotismus lässt“, erklärte Gebhardt. Ähnlich äußerte sich der evangelische Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Es sei „ein großer Fehler“ gewesen, nach der Wiedervereinigung nicht zugunsten von Brechts „Kinderhymne“ auf beide deutschen Hymnen zu verzichten, sagte Schorlemmer am Donnerstag dem MDR in Halle. Er sei dafür, „dass wir diese Debatte ruhig nochmal anfangen“.

          Das Deutschlandlied wurde 1841 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben gedichtet und in der Weimarer Republik zur Nationalhymne gemacht. Später missbrauchten die Nationalsozialisten die erste Strophe für ihre Zwecke. Die deutsche Nationalhymne besteht seit 1952 aus der dritten Strophe „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Rechtsgrundlage dafür war ein Briefwechsel zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss. Am 19. August 1991 ergriff der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Initiative und legte in einem Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl die Hymne auch für das wiedervereinigte Deutschland fest.

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