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Internationaler Vergleich : Viele Abiturienten, weniger Bildung

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Viele Studienabbrecher in Italien

Unter dem Einfluss der Achtundsechziger-Bewegung wurde den Absolventen aller Schultypen der Sekundarstufe II in Italien die Hochschulreife schon 1969 zuerkannt. Zugleich wurden die Anforderungen dadurch gesenkt, dass die Prüfungsfächer reduziert wurden. So stieg die Abiturientenquote schnell an und überschritt schon 1992 die 50-Prozent-Grenze. Dass heute drei Viertel eines Jahrgangs eine Studienberechtigung erlangen, steht im krassen Gegensatz zu den Pisa-Ergebnissen, denen zufolge nur ein Viertel zu den leistungsstarken Schülern zählt. Immerhin nehmen heute nur noch knapp zwei Drittel der Berechtigten ein Studium auf gegenüber 80 Prozent vor zwei Jahrzehnten. Die Bereitschaft dazu hängt signifikant von den Prüfungsnoten und dem Typ der besuchten Schule ab. Nur jeder zehnte Berufsschüler macht von seiner Studienberechtigung Gebrauch. Von den Bachelor-Studenten haben nach vier Jahren bereits 30 Prozent ihr Studium abgebrochen, und nach sechs Jahren hat erst die Hälfte einen Abschluss erreicht.

Die hohe Quote der Studienabbrecher ist neben mangelnder Studierfähigkeit und der chronischen Überfüllung der Universitäten auch auf die schlechten Beschäftigungschancen in Italien zurückzuführen. Bereits vor zwei Jahrzehnten verzeichnete Italien eine hohe Akademikerarbeitslosigkeit, woran sich auch nach der Jahrtausendwende nichts geändert hat. Schon vor der Euro-Krise waren zwischen 20 und 24 Prozent der 15 bis 24 Jahre alten Erwerbsbevölkerung ohne Beschäftigung; aktuell liegt die Quote sogar über 40 Prozent.

Jeder zweite Collegestudent in Amerika arbeitslos

Auch in den Vereinigten Staaten hat die Akademisierung längst einen kritischen Wert überschritten. Von den etwa 70 Prozent eines Jahrgangs, die ein Studium am College beginnen, hat im Alter von 25 Jahren nur etwa die Hälfte tatsächlich einen Abschluss erreicht. Und von diesen Absolventen sind wiederum etwa die Hälfte arbeitslos, oder sie arbeiten in Jobs, die nicht ihrem formalen Ausbildungsstand entsprechen, so die frühere OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger.

Viel besser stehen Österreich und die Schweiz als die Staaten mit den niedrigsten Abiturientenquoten da. Bei ihnen ist die Jugendarbeitslosigkeit schon seit Jahren so niedrig wie in Deutschland heute, ihr Pro-Kopf-Einkommen dagegen liegt deutlich höher. Für den volkswirtschaftlichen Ertrag der Akademisierung gilt mit Bezug auf die hier betrachteten europäischen Staaten: Je höher die Abiturientenquote, desto höher die Jugendarbeitslosigkeit und desto niedriger das Volkseinkommen, also das Gegenteil dessen, was die OECD verspricht. Es ist demnach ein Irrweg, die Abiturienten- und Akademikerzahlen ohne Rücksicht auf die Qualität der Abschlüsse zu steigern, wie das derzeit in Deutschland geschieht.

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