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Internationaler Vergleich : Viele Abiturienten, weniger Bildung

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OECD-Ergebnisse widersprechen einander

Es ließe sich einwenden, dass zwischen dem Pisa-Test und dem Erwerb der Studienberechtigung mindestens drei Jahre liegen. In diesen könnten mittelmäßige Schüler in Ländern mit hohen Abiturientenquoten – aber auch nur diese – einen besonderen Kompetenzzuwachs zu verzeichnen haben. Dagegen sprechen aber Erkenntnisse der europäischen Bildungsminister. Sie stellten im Februar dieses Jahres unter Bezug auf den PIAAC-Test der OECD (sog. Erwachsenen-Pisa) fest, dass die Qualität der Schulen und Universitäten von Land zu Land sehr unterschiedlich ist und besonders in Spanien und Italien Uniabsolventen im Durchschnitt weniger Kompetenzen vorweisen können als Nichtstudierte aus bestimmten anderen Ländern.

Es sind also gerade Testergebnisse der OECD, die gegen die von ihr unterstellte Gleichwertigkeit von Abschlussquoten auf internationaler Ebene sprechen. Wie aber kommen die enormen Unterschiede zwischen den Abiturientenquoten der hier betrachteten Länder zustande? In Frankreich propagierte der sozialistische Minister Chevènement 1985 das Ziel, 80 Prozent eines Jahrgangs auf die Stufe des Baccalauréat (des französischen Abiturs) zu führen. Darüber besteht heute unter dem Schlagwort „Demokratisierung der Bildungschancen“ ein politischer Konsens. Allerdings liegt die tatsächliche Abschlussquote erst bei 74 Prozent – und das, obwohl das Bac in verschiedene Zweige unterschiedlichen Anforderungsniveaus unterteilt ist.

Hoffnungslos überfüllte Universitäten

Das traditionsreiche „bac général“, 1808 von Napoleon begründet, entspricht in etwa der allgemeinen Hochschulreife in Deutschland und wird hier wie dort von gut 37 Prozent eines Jahrgangs erreicht. Der deutschen Fachhochschulreife steht das 1969 eingeführte „bac technologique“ gegenüber, beide mit einem Anteil von etwa 16 Prozent. Den zahlenmäßigen Unterschied zu Deutschland macht das 1985 geschaffene „bac professionnel“ aus. Mit seinen über 70 Schwerpunkten wie Bäcker/Konditor, Metzger, Kfz-Mechaniker bietet es eine schulische Berufsausbildung mit einem nur geringen Praxisanteil, die gleichwohl zu jedem Hochschulstudium berechtigt. An den hoffnungslos überfüllten Universitäten aber findet schon nach dem ersten Studienjahr eine rigide Auslese statt, der die meisten Absolventen des beruflichen Bac, aber auch viele andere Abiturienten zum Opfer fallen, sofern sie überhaupt ein Studium beginnen. So erweist sich die versprochene Chancengleichheit als Illusion.

Auch der ökonomische Effekt dieser „Demokratisierung“ ist fragwürdig. Schon vor acht Jahren fand die Bildungssoziologin Marie Duru-Bellat in ihrem Buch „L’inflation scolaire“ keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Ausdehnung des Schulbesuchs in den entwickelten Ländern zum wirtschaftlichen Wachstum oder zur Senkung von Jugendarbeitslosigkeit beiträgt. In historischer Perspektive zeigte sich, dass die Verlängerung der Ausbildung in Frankreich seit den siebziger Jahren mit steigender Jugendarbeitslosigkeit einherging. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Seit Jahren liegt die Erwerbslosigkeit der 15 bis 24 Jahre alten Bevölkerungsgruppe zumeist über 20 Prozent und deshalb mehr als doppelt so hoch wie heute in Deutschland (knapp acht Prozent).

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