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AfD im Flügelstreit : Es droht das Schicksal der Republikaner

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Sie trennt mehr als nur ein Tisch: Bernd Lucke (links) und Frauke Petry während des AfD-Bundesparteitags in Bremen im Januar 2015 Bild: Daniel Pilar

Bernd Lucke stemmt sich gegen rechtspopulistische Strömungen innerhalb der AfD. Doch wird sich der Ökonom und Euro-Gegner im Machtkampf durchsetzen? Es gibt erstaunliche Parallelen zum Aufstieg und Niedergang einer früheren Protestpartei.

          Es war ein kalter Tag im Januar, als sich nahe des „Congress-Centrums“ in Bremen erklärte Antifaschisten unter grauem Himmel und Beobachtung der Polizei versammelten. Sie waren gekommen, um gegen den Bundesparteitag der AfD zu demonstrieren, eine Partei, die viele der Autonomen für eine rechtsradikale Vereinigung in bürgerlichem Gewand halten. Im „Congress-Centrum“ hatte Bernd Lucke soeben an die Adresse seiner beiden Widersacher Frauke Petry und Alexander Gauland gerichtet gesagt: „Ich bin zuversichtlich, dass wir alle die gemeinsame Überzeugung haben, … dass der Erfolg der AfD untrennbar verknüpft ist mit dem Ansehen, das die AfD in der Mitte der Gesellschaft genießt.“ Daraufhin  war in der Halle großer Jubel zu hören. Bernd Lucke konnte sich ein Lausbub-Lächeln ob dieser Schelte gegen seine Parteikollegen, denen er einen rechtspopulistischen Kurs unterstellt, gar nicht verkneifen. Er genoss diesen Moment und winkte seinen Unterstützern.

          Angesichts solcher Richtungskämpfe in der AfD fühlt sich Rolf Schlierer, der zehn Jahre lang Bundesvorsitzender der Republikaner war, an die Situation in seiner Partei erinnert. Er spricht von einer „frappierenden Duplizität der Ereignisse“. Schlierer denkt dabei an einen Parteitag der Republikaner im Juli 1990 im niederbayerischen Ruhstorf an der Rott. In der dortigen Niederbayernhalle konnte sich Franz Schönhuber an einem heißen Sommertag gegen einen einzigen Mitbewerber um den Parteivorsitz durchsetzen. Die Redeversuche seiner parteiinternen Gegner, von denen es nicht wenige gab, gingen in den „Pfui“, „Buh“ und „Schönhuber, Schönhuber, Schönhuber“-Rufen seiner Gefolgschaft unter.

          Die Anfänge als Bürgerpartei

          Für Schlierer war das der Tag, an dem die Ultrarechten in der Partei zurück gedrängt werden konnten. Allerdings war der ehemalige Fernsehjournalist Franz Schönhuber kein Mann der Mitte, wie es Lucke sein will. Schönhubers Aussagen wie „nie wird die grüne Fahne des Islams über Deutschland wehen“ bezeugen das. Wer also das Pendant zu Lucke bei den Republikanern sucht, wird eher bei einem anderen Franz fündig. Franz Handlos, ein ehemaliges CSU-Mitglied, war 1983 Gründungsmitglied der Republikaner. Gemeinsam mit einem weiteren ehemaligen CSU-Mitglied und eben Schönhuber hatte er die Partei ins Leben gerufen. In dieser Anfangszeit zeigen sich auch die tatsächlichen Parallelen zur AfD auf.

          Denn in beiden Fällen waren wirtschaftliche Umstände Anlass für die Gründung einer vermeintlichen Bürgerpartei. Und in beiden Fällen verzeichneten die neu gegründeten Parteien zunächst Zulauf aus dem bürgerlichen Milieu. Doch hatten beide Parteien in ihren Reihen auch ranghohe Funktionäre, die mit ihren offen ausländerfeindlichen Aussagen bei der traditionell unterrepräsentierten Rechten die Hoffnung weckten, sich endlich Gehör im Politikbetrieb verschaffen zu können.

          Bilderstrecke

          So war es bei den Republikanern ein Hilfskredit über mehrere Millionen Mark, der den Anstoß zur Gründung gab. Den Kredit hatte die Bundesrepublik Deutschland der damaligen DDR gewährt. Und der damalige CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß hatte das toleriert. Außerdem ließ die von Helmut Kohl versprochene „wertkonservative Wende“ nach dem Erfolg der CDU/CSU bei der Bundestagswahl 1983 für den Geschmack des Dreigestirns zu lange auf sich warten.

          Ähnlich wie bei der AfD gelang es zunächst, Unterstützer aus dem bürgerlichen Lager zu gewinnen. Vor allem Franz Handlos wollte damals ein konservativ-liberales Bürgertum repräsentieren. Doch mit der Zeit kamen mehr und mehr Mitglieder hinzu, die mehr als nur einen wertkonservativen Wandel im Sinn hatten. Grund dafür war Schönhuber. Dessen ausländerfeindliche Rhetorik stieß bei der rechtsextremen Szene auf viel Gehör. Eine ähnliche Entwicklung erlebte Gunther Nickel an der Parteibasis der AfD. Nickel war bis November 2014 Sprecher des hessischen Landesverbandes.

          Verschwörungstheorien statt Eurokritik

          „Hätte ich das geahnt, wäre ich nicht eingetreten“, sagt Nickel. Er spricht von dem rasanten Zuwachs an Mitgliedern im hessischen Landesverband, die sich, wie er es formuliert, in „fundamentalistischer Systemopposition“ befänden. Außerdem hätten sie eine „nationalistische Orientierung“. Seit dem Aufkeimen der Pegida-Bewegung habe sich das Mitgliedsverhältnis radikal zu Gunsten derer mit rechtskonservativen Tendenzen verändert. Statt um Eurokritik soll es in Gesprächen mit Parteikollegen oft nur noch um den Islam als Weltverschwörung gegangen sein, der die westliche Gesellschaft bedrohe.

          Wie in der AfD gefährdeten bei den Republikanern ähnliche interne Differenzen die Einheit der Partei. Schlussendlich gab Handlos nach viel Gezeter im März 1985 auf. Er trat aus der Partei aus und überließ Schönhuber das Zepter. Der ließ sich auf einem Bundesparteitag noch im Juni des selben Jahres zum Parteivorsitzenden wählen. Daraufhin schlug die Partei vollends einen rechtspopulistischen Kurs ein.

          Einen solchen Rechtsruck will Bernd Lucke verhindern. Mit der Gründung des Vereins „Weckruf 2015“ will er den rechtskonservativen Netzwerken in seiner Partei eine eigene Lobby der Gemäßigten entgegen setzen. Nickel wünscht dem von ihm geschätzten Bernd Lucke viel Glück bei seinem Vorhaben, die National-Konservativen in der Parteispitze zurück zu drängen. Und auch Luckes Parteiverbleib würde er begrüßen. Aber: „Wenn er bleibt, ändert sich die Basis ja nicht“.

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