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Kirche in der Krise : Diaspora Deutschland

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Bloßer Schein: Kirchliche Symboliken haben eine massive Sinnentleerung erfahren. Auch wenn sie noch allerortes zu sehen sind, wie hier im Landgericht in Würzburg. Bild: dpa

Ist Deutschland ein christliches Land? Wie man’s nimmt. Auf dem Papier binden die Kirchen noch Millionen Menschen. Doch im Leben des Einzelnen ist ihre Macht gering. Aus der Spätzeit des Christentums.

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          In der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember, fast auf den Tag genau vor 50 Jahren, irrte ein Student namens Franz durch die Straßen Münsters. Er konnte nicht schlafen. Zu aufgewühlt war er von der Predigt, die er am frühen Abend im Dom gehört hatte von einem jungen Priester und Professor, nur ein paar Jahre älter als er selbst, der Advent und Weihnachten auf ganz neue, ja revolutionäre Art deutete: Die alte Lehre, nach der die menschliche Geschichte sich in die Zeit des Dunkels und die des Heils teilt, die Zeit vor und nach Christi Geburt nämlich, könne doch heute niemand mehr ernst nehmen, sagte der junge Theologe. Wer wolle nach den Weltkriegen, nach Auschwitz und nach Hiroshima noch von der Zeit des Heils sprechen, die vor 2000 Jahren in Bethlehem begonnen habe? Nein, die Grenze zwischen dem Dunkel und dem Licht, zwischen Gefangenschaft und Erlösung, gehe nicht mitten durch die Geschichte, sondern mitten durch unsere Seele. Der Advent finde nicht im Kalender statt, sondern in unseren Herzen – oder er breche genau dort ergebnislos ab. Das ist starker Tobak, und man kann sich gut vorstellen, dass der Student nach dieser Predigt keinen Schlaf fand, sondern allein sein wollte, um das alles für sich zu durchdenken.

          Heute sind die beiden alte Männer, der Student und der Prediger dieses denkwürdigen Abends in Münster, Franz Kamphaus, der damals eine schlaflose Nacht erlebte, und Joseph Ratzinger, der als 37-jähriger akademischer Jungstar die Theologiestudenten aufrüttelte. Erstaunlich, wie sich da die Lebenswege der beiden zum ersten Mal kreuzten. Im Rückblick stehen gerade diese beiden Namen, Ratzinger und Kamphaus, für zwei Wege der Kirche in Deutschland, die man nicht mit rechts und links beschreiben muss, die aber doch sehr gegensätzlich waren. Beide versuchten, das Christentum unter veränderten Bedingungen neu zu verkünden und irgendwie in die moderne Welt hinüberzuretten – und sie stritten erbittert um die richtigen und falschen Kompromisse im Verhältnis zwischen Christ und Welt. Aber jetzt, am Lebensende, verbindet die beiden über alle Distanzen hinweg eine gemeinsame Bilanz des Scheiterns: Das Christentum in Deutschland ist ideell bankrott.

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