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Kriegsverbrecher : Anklagen gegen zwei mutmaßliche NS-Täter?

Der Prozess gegen John Demjanjuk dauert noch an, könnte aber zu einem Präzedenzfall werden Bild: dpa

Das Verfahren gegen John Demjanjuk könnte nicht der letzte NS-Prozess in Deutschland sein: Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg hat die Vorermittlungen gegen zwei weitere mutmaßliche Kriegsverbrecher abgeschlossen, wie die F.A.Z. erfahren hat.

          John Demjanjuk ist der erste, aber womöglich nicht mehr lange der einzige frühere „Hilfswillige“ der SS aus der Ukraine, Russland, dem Baltikum, Ungarn oder Rumänien, dem in Deutschland, mehr als sechseinhalb Jahrzehnte nach dem Holocaust, der Prozess gemacht wird. Wie der Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, Kurt Schrimm, der F.A.Z. am Freitag sagte, hat seine Behörde, die die Anklage gegen Demjanjuk - Beihilfe zum vieltausendfachen Mord im Vernichtungslager Sobibor 1943 - vorbereitete, nun die Vorermittlungen gegen zwei weitere mutmaßliche NS-Verbrecher abgeschlossen: gegen den 89 Jahre alten, nahe Bonn in Nordrhein-Westfalen lebenden Samuel K. und den 1921 in Polen geborenen, in Troy im amerikanischen Bundesstaat Michigan lebenden Iwan Kalymon.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Akten im Fall K., der in Sichelberg an der Wolga als Volksdeutscher geboren wurde, hat die Zentrale Stelle nach Angaben Schrimms an die Staatsanwaltschaft Dortmund abgegeben, die in Nordrhein-Westfalen für die Verfolgung mutmaßlicher NS-Verbrecher zuständig ist und nun entscheiden muss, ob sie gegen K. Anklage erhebt. Vor dem Münchner Verfahren gegen Demjanjuk war K. im Juni 2009 vernommen worden; im März soll er dort als Zeuge aussagen. Wie Demjanjuk geriet K. als Soldat der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft und rettete sich, wie Demjanjuk, aus den mörderischen Bedingungen im Lager Chelm in deutsche Dienste. Wie Demjanjuk wurde K. im SS-Lager Trawniki ausgebildet.

          „Am 14.8.1942 die Waffe eingesetzt und vier Stück Munition verwendet“

          Er war nach eigenen Angaben im Vernichtungslager Belzec eingesetzt, neben Sobibor und Treblinka einem der drei Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“, bei der etwa zwei Millionen Juden ermordet wurden. Ihm macht die Zentrale Stelle, so Schrimm, „praktisch den gleichen Vorwurf wie Demjanjuk“: Beihilfe zum vieltausendfachen Mord an Juden in einem Vernichtungslager. Im Fall K. hätten die Ermittler indes, anders als bei Demjanjuk, keinen „Glücksgriff“ in Form von Transportlisten mit den Namen von Opfern getan; deshalb erstrecke sich der Tatvorwurf auf eine unbestimmte Anzahl von Opfern. Insgesamt wurden in Belzec mehr als 400.000 Menschen ermordet. K. bewachte später jüdische Arbeitskommandos in Warschau, war bei Kriegsende in der Tschechoslowakei und ließ sich später im Rheinland nieder. Er hat die deutsche Staatsangehörigkeit.

          Iwan Kalymon soll eigenhändig mindestens einen Mord begangen haben

          Anders ist es im Fall Iwan Kalymons. Aus München - an die dortige Staatsanwaltschaft gibt die Zentrale Stelle die Akten in seinem Fall ab, weil dort sein letzter gesicherter Aufenthaltsort in Deutschland war - emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Sein Einspruch gegen die vom Office of Special Investigations (OSI), einer Sonderbehörde des Justizministeriums, betriebene Aberkennung der amerikanischen Staatsangehörigkeit scheiterte im Herbst 2008. Kalymon, der der ukrainischen Minderheit in Polen angehörte, ging im Alter von 18 Jahren nach Wien, wo er auf einem Bauernhof half. Danach arbeitete er zwei Jahre in Hannover. Später tauchte er in Lemberg auf, wo er den Deutschen nach Überzeugung der Ermittler als Hilfspolizist diente.

          Kalymon werfen die Ludwigsburger vor, eigenhändig mindestens einen Mord begangen zu haben: Im August 1942 soll er seinen Vorgesetzten in einer Notiz von einem Einsatz unterrichtet haben, bei dem er „dienstlich während der ,Judenaktion' am 14.8.1942 um 19 Uhr die Waffe eingesetzt und vier Stück Munition verwendet“ habe, „wobei ich eine Person verletzt und eine getötet habe“. Ende Januar soll ein Mitarbeiter der Zentralen Stelle nach Lemberg reisen und die Unterschrift unter dieser Notiz mit der Unterschrift unter dort aufbewahrte Dokumente vergleichen. Das soll zeigen, dass es sich um denselben Kalymon handelt. „Das Ergebnis dieses Handschriftenvergleichs werden wir nachreichen“, so Schrimm, der aber von der Identität überzeugt ist.

          Auslieferung nur bei „Interesse an Strafverfolgung“

          Nach Angaben des OSI hat die Behörde bisher 107 mutmaßliche NS-Verbrecher vor Immigrationsgerichte gebracht, um ihnen ihre Staatsangehörigkeit abzuerkennen. Die Gerichte ordnen in diesen Fällen die Abschiebung an - in das Land der Geburt oder in das Land, in dem sie sich vor der Ausreise in die Vereinigten Staaten aufgehalten hatten. In vielen Fällen ist das Deutschland. Nach Auskunft des Auswärtigen Amts stimmt Berlin einer Aufnahme mutmaßlicher NS-Verbrecher aber nur zu, wenn diese die deutsche Staatsangehörigkeit haben oder hatten oder ein „Interesse an einer Strafverfolgung“ besteht. Das bedeutet: Eine Staatsanwaltschaft muss so gründlich ermittelt haben, dass eine Verurteilung durch ein deutsches Gericht zu vermuten ist. Mehrfach gab es in der Vergangenheit von amerikanischer Seite Bitten an Berlin, staatenlose, mutmaßliche NS-Verbrecher aufzunehmen; doch erst im Fall Demjanjuk gab Deutschland dem Begehren statt.

          Kurt Schrimm hebt hervor, dass es für die Einleitung von Vorermittlungen nicht darauf ankomme, dass die Männer einst - wie laut Anklage Demjanjuk - in Trawniki ausgebildet wurden, „sondern darauf, wo diese Leute später waren“. Denn nur in den Vernichtungslagern waren, so die Ludwigsburger Ermittler, alle Männer in deutschen Diensten an den Morden zumindest beteiligt. Unter dieser Prämisse könnte der Prozess gegen Demjanjuk nicht der letzte NS-Prozess in Deutschland sein.

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