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Gedanken zur Ehe : Kretschmann bringt die Grüne Jugend zum Kochen

Hobby-Heimwerker Kretschmann im Keller seines Hauses Bild: Wolfgang Eilmes

Winfried Kretschmann äußert sich zur „klassischen Ehe“ – und beschwichtigt noch am selben Tag. In Teilen seiner Partei kommen die Worte des Ministerpräsidenten gar nicht gut an.

          Mit der Frage, wie die kulturelle Hegemonie der linken Mitte eine Gesellschaft verändern kann, beschäftigt sich Winfried Kretschmann nicht erst seit den jüngsten Wahlerfolgen der AfD. Oder seitdem die Wochenzeitung „Die Zeit“ darüber eine kontroverse Debatte führt. Spätestens als größtenteils evangelikale Grüppchen auf dem Stuttgarter Schlossplatz begonnen hatten, gegen den Bildungsplan der früheren grün-roten Regierung zu demonstrieren, sich eine Front gegen die Gender-Theorien im Südwesten formierte („Demo für alle“), war Kretschmann klar, dass grüne Regierungspolitik Kulturkämpfe nach sich ziehen kann. Bei anderen Themen erlebte der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands ähnlich emotionalisierte Diskussionen - etwa bei der Einrichtung des Nationalparks.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Es gibt in Deutschland wohl keinen anderen Ministerpräsidenten, der aufgrund seiner Solitärstellung in seiner (linken) Partei und in seinem (strukturkonservativen) Land geradezu dazu aufgefordert ist, zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus und Stimmungslagen Brücken zu bauen: Auf der einen Seite die urban geprägte grüne Partei, die groß darin ist, den gesellschaftlichen Fortschritt zu definieren. Auf der anderen Seite die traditionelle baden-württembergische Gesellschaft vor allem in ländlichen Regionen wie Oberschwaben oder Südwürttemberg, die von Gender-Diskursen genauso wenig hält wie von veganer Ernährung.

          Für Teile der grünen Basis sind die Aussagen Häresie

          Kretschmann, ein klassischer Machtpolitiker mit einem Hang zum Konsens und einer Abneigung für Sozialpolitik nach klassisch sozialdemokratischer Machart, war bisher in beiden Milieus gut gelitten. Mit seinem jüngsten Gastbeitrag in der „Zeit“ hat er einen Versuch unternommen, zu ergründen, warum sich die so genannten kleinen Leute von der politischen Klasse aus CDU, FDP, Grünen und SPD immer stärker entfernen und warum sie den gesellschaftspolitischen Mainstream verachten.

          Für die Mehrheitsgesellschaft sollten Kretschmanns Aussagen Selbstverständlichkeiten sein, für Teile der grünen Basis war es Häresie. „Es geht darum“, schrieb Kretschmann, „dass jeder nach seiner Fasson leben kann, und nicht darum, traditionelle Lebensformen abzuwerten oder die Individualisierung ins Extreme zu treiben. Individualismus darf nicht zum Egoismus werden, sonst wird gesellschaftlicher Zusammenhalt unmöglich. So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen - und das ist auch gut so.“

          Eine Grundannahme linker Grüner steht in Frage

          Vor allem dieser Satz und das Zitat des berühmten Ausspruchs des früheren, homosexuellen Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD), der sich mit diesem Satz outete, bringt nun die Grüne Jugend und Teile der grünen Basis zum Kochen. Mit dem Bekenntnis zur Ehe und klassischer Familie stellt der Katholik Kretschmann nämlich eine theoretische Grundannahme linker Grüner in Frage: Es ist die These von der „heteronormativen Gewalt“. Das Argument lautet: Weil sich Politik und Gesellschaft an der Familie als Keimzelle der Gesellschaft orientieren, sind andere Lebensformen strukturell benachteiligt.

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