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Gedanken zur Ehe : Kretschmann bringt die Grüne Jugend zum Kochen

Kretschmann macht in seinem Beitrag zwar deutlich, dass er „errungene gesellschaftliche Freiheiten“ verteidigen will, das scheint seine Kritiker nicht zu interessieren. Die Grünen sind groß darin, ihr eigenes Milieu zu überschätzen und schwach, wenn es darum geht, für andere gesellschaftliche Milieus ein Verständnis zu entwickeln. Es ließe sich auch argumentieren, dass der Begriff von der „heteronormativen Gewalt“ einen geringen normativen Gehalt hat, weil es in Deutschland elf Millionen Familien gibt und sich in Umfragen die Mehrheit der Deutschen weiterhin zu Ehe und Familie bekennt.

Zwischen Mehrheitsmeinung und Minderheiten-Lobby

Auch linke Parteien führen manchmal „postfaktische Diskussionen“, das ist kein Privileg der AfD. Ohne Sinn für Proportion behauptet die Grüne Jugend, dass Kretschmanns Satz über die Ehe auch von der CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach stammen könnte, ein hastig zusammenmontiertes Bild zeigt den Ministerpräsidenten mit Heimchen am Herd in einer Fünfziger-Jahre-Küche. Offenbar ist Kretschmanns Rückhalt in seiner Partei geringer geworden, denn noch am Erscheinungstag des Hamburger Blattes beugte er sich der Kritik und schrieb auf Facebook: „Ich möchte die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen. Homosexuelle Paare sollen genauso wie heterosexuelle Paare heiraten können.“

Das steht ohnehin im grünen Parteiprogramm, es ging eigentlich um die Frage, ob ein grüner Ministerpräsident eine Haltung einnehmen kann, die gesellschaftliche Mehrheiten anerkennt und vom Sprachduktus einer Minderheiten-Lobby etwas abweicht. Auffallend an Kretschmanns Intervention ist, dass er zwar von „sozialen Verwerfungen“ spricht, er aber Gerechtigkeitsfragen nicht behandelt. Ebenso kommt das Problem der Grenzsicherung in dem Beitrag nicht vor.

Die Parteibasis beschäftigt noch anderes

Für Kretschmann war es in der vormaligen grün-roten Koalition einfach, sich als konservativer Grüner zu präsentieren und sich damit bei CDU-nahen, bürgerlichen Wählern beliebt zu machen. Der Kontrollanspruch der SPD garantierte für seine Kritiker rot-grüne Inhalte. Das ist in der jetzigen Koalition mit der CDU als Juniorpartner nicht so: Er muss mit der CDU hart um Kompromisse ringen, die der grünen Basis manchmal nicht gefallen, etwa wenn es um gemeinsame Übungen von Polizei und Bundeswehr oder um das Burka-Verbot geht.

Stärker als der jüngste Gastbeitrag zur gesellschaftlichen Spaltung beschäftigt die Parteibasis die Diskussion über Nebenabsprachen und die Besetzung wichtiger Geschäftsführerposten bei Landesgesellschaften - ohne Ausschreibung - mit grünen Parteikadern. Viele Grüne sehen ihre Partei immer noch als politische Kraft, die sich von CDU, SPD und FDP unterscheiden muss und die sich zudem von Parteibuchwirtschaft und Filz fernhalten sollte. Was die Vorschläge Kretschmanns zur Bekämpfung der AfD angeht, hat er jedenfalls die Unterstützung der künftigen Landesvorsitzenden Sandra Detzer: „Wenn wir vermeiden wollen, dass die AfD noch stärker wird, dann ist es richtig, zu fragen, was die Leute eigentlich vermissen und ob das tatsächlich diese traditionellen Leitbilder sind.“

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