https://www.faz.net/-gpf-8cr60

Angebliche Vergewaltigung : Liebesgrüße aus Moskau

  • -Aktualisiert am

„Die Ausschreitungen von Migranten zwingen örtliche Männer dazu, Waffen in die Hände zu nehmen und Ausländern eine Lektion zu erteilen.“ Das „Pogrom“ hänge „nach Ansicht der Männer“ mit der „Vergewaltigung des 13 Jahre alten russischen Mädchens Lisa durch Übersiedler“ zusammen. „Russische Migranten standen als erste für den Schutz ihrer Familien mit der Waffe in der Hand auf.“ Der Beitrag wurde auf eine Vielzahl russischsprachiger Internetseiten kopiert.

Schon eine Woche, nachdem das Mädchen wieder aufgetaucht war, hatte die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ verzweifelt getitelt: „Warum glauben so viele der NPD und Putins Presse mehr als der Berliner Polizei?“ Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) sagte der Zeitung: „Mit Falschmeldungen, unbewiesenen Beschuldigungen und Verleumdungen schaden sie dem Rechtsstaat und den Opfern.“ Für die Familie des Mädchens tritt mittlerweile ein Anwalt auf. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Verdacht auf sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen steht im Raum. Man gehe von einem „einvernehmlichen Kontakt“ aus.

„Heute mein Kind – morgen dein Kind“

Doch dank der Mobilisierung hat die Geschichte längst ein Eigenleben entwickelt. Vorläufiger Höhepunkt der vermeintlichen Solidarität war eine Demonstration unter dem Motto „Wir sind gegen Gewalt“ am Samstag vor dem Kanzleramt in Berlin. Angemeldet hatte sie der „Internationale Konvent der Russlanddeutschen“, auch der Berliner Pegida-Ableger („Bärgida“) hatte zur Teilnahme aufgerufen. Laut Polizeiangaben kamen etwa 700 Demonstranten.

Unbenanntes Dokument

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

Sie trugen Schilder mit Aufschriften wie „Unsere Kinder sind in Gefahr“, „Lisa, wir sind mit dir“ und „Heute mein Kind – morgen dein Kind“. Die Deutsche Welle berichtete, der Vorsitzende des „Konvents der Russlanddeutschen“ sei laut einer Teilnehmerin im Zusammenhang mit der Demonstration nach Moskau geflogen, was der Mann gegenüber dem Sender nicht habe kommentieren wollen.

Vor dem Kanzleramt dabei war am Samstag auch Alexander Reiser vom Verein „Vision“, der sich um Integration Russlanddeutscher bemüht. Er sagt, von den etwa 30.000 Spätaussiedlern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf leben, seien nur die Hälfte deutschstämmig oder Menschen, die schon lange Deutsch sprechen. Die andere Hälfte seien Ehepartner, die weiterhin russische Medien mehr nutzten als deutsche. Man habe der Familie des Mädchens Unterstützung angeboten, doch sei diese nicht angenommen worden.

Reißen alte Gräben weder auf?

Die Aufrufe zur Demonstration seien „professionell gemacht“, sagt Reiser. Er befürchtet, dass die traurige Geschichte dazu genutzt wird, alte Gräben zwischen Einheimischen und Russlanddeutschen wieder aufzureißen, die sein Verein seit Jahren zu glätten sucht. Als der dritte Redner am Samstag geschildert habe, wie das Kind 30 Stunden lang von drei Arabern vergewaltigt worden sei, sei ihm der Geduldsfaden gerissen, berichtet Reiser. „Warst du dabei?!“ habe er gerufen – und dann rasch aus der Gruppe herausgedrängt worden.

Auch der Reporter des „Perwij Kanal“, der den Fall am 16. Januar publik gemacht hatte, war vor dem Kanzleramt dabei; er berichtete dann von Einschüchterungsversuchen an die Adresse der Demonstranten. Der Leiter des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda, sagte am Samstag dem Sender RBB, neben „emotionalisierten Bürgern“ versuchten Rechtsextremisten, „hier mit aufzuspringen“ und eine „Destabilisierung der Situation herbeizuführen“.

Weitere Themen

Topmeldungen