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Nach Entlassung aus Charité : Kreml „erfreut“ über Nawalnyjs Genesung

  • Aktualisiert am

Auf Instagram veröffentlichte Nawalnyj ein Video aus der Berliner Charité. Bild: Navalny Instagram/AP/dpa

Der Kremlkritiker Nawalnyj kann das Berliner Krankenhaus verlassen. Von Russland fordert er die Herausgabe seiner Kleidung: Sie müsse auf Nowitschok-Spuren untersucht werden. Moskau beklagt „antirussische Hysterie“.

          3 Min.

           Der vergiftete Kremlkritiker Aleksej Nawalnyj ist am Dienstag aus der Berliner Charité entlassen worden. Das teilte das Krankenhaus am Mittwochmorgen mit. Der Gesundheitszustand Nawalnyjs habe sich „soweit gebessert, dass die akutmedizinische Behandlung beendet werden konnte“. Kreml-Sprecher Dimitri Peskow sagte am Mittwoch in Moskau, man sei „erfreut“ über die voranschreitende Genesung Nawalnyjs. Jetzt werde man sehen, ob Nawalnyj nach seiner Rückkehr mit russischen Sicherheitsbehörden sprechen und Informationen über seinen Fall teilen wolle. Das Umfeld von Präsident Wladimir Putin habe jedenfalls keinen Zugang zu den verbotenen chemischen Kampfstoffen der Nowitschok-Gruppe, sagte der Kreml-Sprecher.

          Nawalnyj wurde nach Angaben der Charité  insgesamt 32 Tage in der Charité behandelt, davon 24 Tage auf einer Intensivstation. Eine vollständige Genesung Nawalnyjs halten die Ärzte „auf Grund des bisherigen Verlaufs und des aktuellen Zustandes des Patienten“ für möglich, heißt es in einer Mitteilung. „Eventuelle Langzeitfolgen der schweren Vergiftung können aber erst im weiteren Verlauf beurteilt werden.“

          Nawalnyj war am 20. August auf einem Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau zusammengebrochen und zwei Tage später auf Drängen seiner Familie und Unterstützer zur Behandlung in die Charité gebracht worden. Nach Angaben der Bundesregierung wurde der Oppositionelle „zweifelsfrei“ mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet, die in der früheren Sowjetunion entwickelt worden war. Moskau weist den Verdacht zurück, staatliche russische Stellen könnten Nawalny gezielt vergiftet haben. Die sibirische Polizei hatte am Montag mitgeteilt, sie habe im Rahmen einer Voruntersuchung rund 200 Menschen vernommen.

          Nawalnyj selbst schrieb am Dienstag in seinem ersten Blog-Eintrag seit seiner Vergiftung, bei ihm seien Spuren von Nowitschok in und auf dem Körper nachgewiesen worden. „Zwei unabhängige Labore in Frankreich und Schweden und ein Speziallabor der Bundeswehr haben Spuren von Nowitschok in und auf meinem Körper bestätigt“, so Nawalnyj. Das Ausbleiben eines russischen Ermittlungsverfahrens und Anschuldigungen in russischen Talkshows, dass westliche Staaten oder seine eigenen Unterstützer hinter dem Anschlag stecken könnten, kommentierte Nawalnyj mit den Worten: „Ich habe nichts anderes erwartet.“ Von den russischen Behörden forderte der russische Oppositionelle eine Rückgabe seiner Kleidung, die ihm vor dem Flug nach Deutschland abgenommen worden sei. „Wenn man bedenkt, dass Nowitschok an meinem Körper gefunden wurde und eine Vergiftung durch Körperkontakt sehr wahrscheinlich ist, ist meine Kleidung ein sehr wichtiges Beweisstück“, schrieb er.

          „Julia, Du hast mich gerettet“

          Auf Instagram teilte Nawalnyj zudem ein Foto mit seiner Frau Julia mit den Worten: „Jetzt weiß ich aus Erfahrung: Liebe heilt und bringt einen zurück ins Leben.“ Er erinnere sich an wenig seit seiner Vergiftung, aber sie habe ihm sehr bei der Heilung geholfen. „Julia, Du hast mich gerettet“, schrieb der 44-Jährige.

          Russlands Botschafter in Deutschland warnte im Fall Nawalnyj unterdessen abermals vor Schuldzuweisungen gegen sein Land. Es sei künstlich eine „antirussische Hysterie“ entfacht worden, sagte Sergej Netschajew der „Berliner Zeitung“. “Was wir überhaupt nicht hinnehmen können, ist die ultimative Feststellung, dass die russische Regierung etwas mit dem Fall zu tun hat. Wir können Ultimaten und Drohungen mit Sanktionen nicht hinnehmen.“ Netschajew forderte die deutschen Behörden auf, russischen Fahndern Beweise vorzulegen, damit diese offiziell Ermittlungen einleiten könnten. Bisher gibt es lediglich Vorermittlungen in Russland.

          „Wir nehmen den Fall absolut ernst“, sagte Netschajew. Allerdings sei die Zusammenarbeit mit Deutschland nicht einfach. Antworten auf russische Rechtshilfeersuchen würden verzögert. Ein Vorschlag der russischen Ärztekammer zur Zusammenarbeit mit deutschen Kollegen sei abgelehnt worden. Und auch ein Gesuch, Nawalnyj als russischen Staatsbürger konsularisch zu betreuen, sei bisher nicht beantwortet worden, sagte Netschajew. „Die Bereitschaft zur Kooperation von der deutschen Seite fehlt uns momentan.“ Netschajew sagte, dass es viele offene Fragen gebe – etwa die, warum das Gift zwar Nawalnyj, aber keinen anderen aus seinem Team, beim Hotelpersonal oder in Krankenhäusern getroffen habe solle. Russland hoffe daher auf die Zusammenarbeit der Strafverfolger beider Staaten. „Dazu brauchen wir die Unterstützung Deutschlands, denn ohne konkrete Beweise, von denen viel gesprochen, aber wenig gezeigt wird, können wir momentan nicht viel anfangen.“

          Mit Blick auf Vorwürfe, die russische Führung habe Nawalnyj vergiften lassen, sagte Netschajew, dass russische Ärzte ihn zuerst versorgt hätten und Moskau letztlich den Weg nach Berlin freigemacht habe.

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