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Patienten aus der Ukraine : Der Krieg kommt jetzt in deutschen Krankenhäusern an

An Krebs erkrankte Kinder aus der Ukraine bei ihrer Ankunft am Universitätsklinikum Essen am 6. März Bild: dpa

Die Krankenhäuser nehmen viele krebskranke Kinder aus der Ukraine auf. Ärzte sind erstaunt, dass manche die Flucht überhaupt überlebt haben. In Berlin sind die Notaufnahmen besonders gefordert.

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          Darin, freie Betten zu organisieren, haben die meisten Krankenhäuser spätestens seit der Corona-Krise mehr Übung, als ihnen lieb sein dürfte. In der Essener Universitätsklinik geht es gerade wieder los – diesmal nicht auf der Intensivstation wie bei Corona, sondern in der Abteilung für Kinderonkologie. Seit dem Überfall Russlands ist die Krankenversorgung in der Ukraine in weiten Teilen zusammengebrochen – und Kliniken in Deutschland kümmern sich jetzt vor allem darum, krebskranke ukrainische Kinder zu versorgen.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          „Wir versuchen, für sie freie Betten zu finden“, sagt Jochen Werner, der Ärztliche Direktor des Krankenhauses. Derzeit werden in Essen 18 Kinder aus der Ukraine behandelt, manche müssen täglich zur Bestrahlung. „Da ist es gut, wenn die Angehörigen auch in der Nähe sind. Das logistisch möglich zu machen ist eine weitere Herausforderung dieser Krise“, sagt Werner.

          Nach zwei Jahren Corona bereiten sich die Krankenhäuser im Land nun darauf vor, verstärkt geflüchtete Ukrainer zu behandeln. Die teils schwer kranken Kinder sind der Anfang, sie gehören mit zu den schwächsten Opfern der russischen Aggression. „Durch den Krieg sind oft in der Ukraine bereits Therapien und Untersuchungen ausgefallen, die dringend nötig waren. Die Flucht hat das dann weiter verzögert“, sagt Werner. Wer eine Chemotherapie bekomme, sei angeschlagen. „Unter diesen Bedingungen fliehen zu müssen und in einem völlig neuen Umfeld weiterbehandelt zu werden ist eine enorme zusätzliche Belastung.“

          In der Kinderonkologie waren die Betten vielerorts schon vor dem Krieg rar, die Fachabteilungen in den deutschen Krankenhäusern meist ausgelastet. Wie schwer es ist, die zusätzlichen Patienten zu verteilen, weiß niemand so gut wie Angelika Eggert. Die Ärztin leitet die Klinik für Pädiatrie mit dem Schwerpunkt Onkologie an der Berliner Charité. In den vergangenen Wochen hat sie versucht, so viele Kinder wie möglich auf deutsche Krankenhäuser zu verteilen – auch nach Essen. Eggerts Blick geht vor allem ins Nachbarland Polen, wo viele Geflüchtete zunächst auf Unterstützung hoffen. „Die Lage dort ist nach meiner Einschätzung dramatisch, die kinder­onkologischen Kliniken sind weit überfüllt“, sagt Eggert. Es fehle vor allem an Personal. Mit Bussen und Transport­wagen würden die Kinder nach Deutschland gebracht, ein Krankenhaus in den Vereinigten Staaten übersetzt die ukrainischen Arztbriefe ins Englische.

          In Deutschland koordiniert Eggert die Verteilung der Patienten auf ein Netzwerk von 60 Krankenhäusern. „Viele arbeiten im Rahmen der Covid-Pandemie und des generellen Pflegemangels ohnehin schon personell am Limit“, sagt sie. „Wir waren gerade dabei, langsam wieder den Normalbetrieb hochzufahren und jetzt kommt sofort die nächste Krise.“ Bislang seien etwa 120 Kinder zentral verlegt worden, doch weil sich einzelne Familien auch direkt an die Krankenhäuser wendeten, sei die Zahl der Patienten noch etwas höher. Eggert schätzt sie auf etwa 150. „An der Charité betreuen wir derzeit neun krebskranke Kinder aus der Ukraine, weitere sind für diese Woche bereits angekündigt“, sagt sie. „Wir versuchen, vorwiegend komplexe Fälle mit dringlichem Therapiebedarf bei uns aufzunehmen, die keine langen Transportwege aus Polen verkraften können.“

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