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Krawalle in Hamburg : Im Schützengraben

Die „Rote Flora“ ist wieder wichtig seit der Eskalation. Als der Besitzer im Dezember angekündigt habe, das Haus räumen lassen zu wollen, habe die „Rote Flora“ sehr viel Zulauf aus der linksautonomen Szene erhalten, sagt Mark Classen, SPD-Abgeordneter in der Bezirksversammlung Altona. Davor sei dort nicht mehr viel los gewesen, denn durch den städtischen Plan für ein Kulturzentrum hätte die „Rote Flora“ den Feind verloren. Vielleicht habe der Eigentümer mit der Ansage, das Haus räumen zu lassen, die Eskalation provoziert. Dass die „Rote Flora“ selbst die Eskalation suchte, weil sie daran interessiert ist, hört man nur selten.

Classen läuft durch das Schanzenviertel. Ein großer Mann mit grüner Jacke und grau-schwarz kariertem Schal. Wenn er den über den Mund ziehe, witzelt er, werde er vielleicht auch kontrolliert. Mit dem „Gefahrengebiet“ ist er nicht glücklich, aber viel will er dazu nicht sagen. Es sind ja die Parteifreunde in der Bürgerschaft. Nur Folgendes: „Wenn Unglücke passieren, werden Fehler auf allen Seiten gemacht.“ Classen spricht dagegen gerne vom städtischem Wandel, von Einwohnerzuwächsen, steigenden Mieten und Nachverdichtung. Er ist Vorsitzender des Planungsausschusses in Altona. „Das war übrigens mal ein besetztes Haus”, sagt er. Hier im Schanzenviertel versuche man des Wandels, Gentrifizierung genannt, einigermaßen Herr zu werden und wenigstens weitere Kneipen und Jugendherbergen zu verhindern. Momentan sind in beiden Fällen Neuzulassungen nicht erlaubt. Aber aufhalten, weiß Classen, wird das den Wandel nicht.

Mittlerweile reihen sich hier Bars an Sushi-Restaurants an Kleiderläden. Anwohner berichten von exorbitant steigenden Mieten. „Schanzenblitz“ heißt hier ein Kopierladen, „Schanzenschnitt“ ein Friseur. „Free the arctic“ steht an einer Wand, „take your time“ an einer anderen. Wenn man bei Parteien anfragt, ob jemand hier im „Gefahrengebiet“ eine kleine Begehung mitmachen will, heißt es, hier lebten eh die meisten Mitglieder. Viele Fassaden sind frisch renoviert, nur die „Rote Flora“ sieht aus wie immer: ein offenbar früher prunkvolles, aber heute heruntergekommenes, mit Graffiti besprühtes Gebäude. Ein linksautonomes Zentrum, das mitverantwortlich gemacht wird für die Aufwertung drumherum. Weil es die Gegend darumherum so angesagt macht. Auf der Straße gegenüber der „Roten Flora“ ist heute Biobauernmarkt. An den Hauswänden mit Blick auf das Gebäude sitzen Pärchen in Wolldecken gehüllt. Die Longdrinks kosten 7,50 Euro. Nur die Heizpilze fehlen.

Classen sagt, er habe versucht, bestehende Konflikte zu entschärfen, einen Zukunftsplan für die Viertel mitzuentwickeln, auch ein Leitbild zur Entwicklung in den Stadtteilen, habe die Bürger stärker beteiligen wollen, diskursiv und so weiter. Manchmal habe er sich in „Geheimdiplomatie“ geübt, schließlich seien die Verhandlungen mit der „hardcorelinken Szene“ unglaublich schwierig gewesen. Trotzdem sei vieles vorangegangen. Und dann, am 21. Dezember, plötzlich bürgerkriegsähnliche Zustände in der Stadt. Er steht jetzt in der Straße vor der „Roten Flora“, wo vor drei Wochen die Demonstration eskalierte. Er ist immer noch fassungslos über die Gewalt, die er „verabscheuungswürdig“ nennt. Er hat keine Erklärung, warum das passierte. Nur Ansätze. Alles, was über Jahre investiert worden sei, die Arbeit im Stadtteil, die Dialogversuche, all das sei „weggehauen“ worden. Ein Scherbenhaufen. Davor, sagt er, habe es einen „breiten Konsens“ gegeben. „Dann explodiert das auf einmal.“

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