https://www.faz.net/-gpf-7l78v

Krawalle in Hamburg : Im Schützengraben

„Klobürste against the machine“

Am Dienstag war in der „Tagesschau“ zu sehen, wie ein Mann nachts von der Polizei gefilzt wird. Er steht an einem Bus, die Hände an die Scheibe, zwei Polizisten schieben seinen schwarzen Kapuzenpullover hoch. In seinem Hosenbund steckt eine weiße Klobürste. Vielleicht wollte er eine Waffe vortäuschen, eine Durchsuchung provozieren. Prompt werden in sozialen Netzwerken Symbolbildchen geteilt, Vermummte sind zu sehen, die eine Klobürste werfen. „Klobürste against the machine“ steht darunter. Bei manchen nachts auf den Straßen baumelt nun eine Klobürste am Rucksack, sie scheint ein Symbol der Proteste geworden zu sein. Zumindest bei jenen, die Gewalt gegen Polizisten für einen Witz halten.

Aber für diejenigen, die mitverantwortlich gemacht werden dafür, dass alles eskalierte, ist es alles andere als ein Spiel. Zu der Demonstration am 21. Dezember hatte unter anderen die „Rote Flora“ aufgerufen. „Für die Ausweitung der Kämpfe“ steht in dem Aufruf. Die „Rote Flora“ ist ein seit 24 Jahren von Linksautonomen besetztes früheres Varietétheater im Schanzenviertel. Seit langem schon gibt es Streit um das Haus, das 2001 von der Stadt an einen privaten Investor verkauft wurde. Jetzt will es die Stadt zurückkaufen, ein Bebauungsplan wurde erstellt, aus dem Gebäude soll ein Kulturzentrum werden. Aber der Besitzer weigert sich, stellte den Besetzern ein Ultimatum, drohte, das Haus räumen zu lassen. „Der formalrechtliche Besitzer“, korrigiert ein Sprecher der „Roten Flora“. Sie seien schließlich die Besitzer.

Der Sprecher ist ein Mann mit dunklen Haaren und schwarzem Fleece, der im „Büro“ der Gruppe im ersten Stock der „Roten Flora“ sitzt, im offenbar einzigen Raum, der nicht mit Graffiti über und über besprüht ist. Ihm gegenüber sitzt seine Kollegin, eine junge Frau mit Mütze und Nasenring, eine Flasche französischen Mineralwassers vor sich. Sie will Lotta genannt werden, er Klaus. Er arbeitet als Altenpfleger. Sie antwortet an der Stelle nicht. Über ihnen hängt ein Zettel: „Handy aus! Feind hört mit“. Wer die Mitglieder der „Roten Flora“ treffen will, wird durch zwei Stahltüren ins Haus gelassen. Schleuse nennen sie die. Im Treppenhaus ist es kalt, es riecht ein wenig nach Urin. Namen gibt es zunächst keine bei der Begrüßung, später nur die zwei austauschbaren Vornamen. Trotzdem müssen hernach Zitate eingereicht werden. Der Fotograf darf keine Bilder von Personen machen, nur von Graffiti. Trotzdem werden die Fotos danach kontrolliert.

Polizisten in schwerer Montur marschieren durch St. Pauli. Die Stadtteile St. Pauli, Altona und Sternschanze gehören zum sogenannten Gefahrengebiet. Laut einem Gesetz, das die CDU zu Zeiten der Alleinregierung 2005 auf den Weg brachte, kann die Polizei nach ihrem Ermessen Gefahrengebiete ausrufen

Großer Zulauf bei der „Roten Flora“

Später sprechen Lotta und Klaus über die politische Moral der linksautonomen Szene. Es scheint recht einfach zu sein: Nicht vermummte Polizisten würden nicht angegriffen. Der Angriff auf die Davidwache – das seien also andere gewesen. Vermummte Polizisten, wie am 21. Dezember, würden dagegen angegriffen. „Der 21. Dezember war aus unserer Sicht eine Form von Gegenwehr, die durch das Verhalten der anwesenden Polizei provoziert wurde“, sagt Klaus. Er war nicht dabei, sie schon. Natürlich seien dann auch Sachen geflogen. Die autonome Linke, die vor Ort war, sei selbstverständlich polizeifeindlich eingestellt. Kann schon sein, dass manche Pflastersteine mitgebracht hätten. Bedauern sie, dass die Demonstration, zu der sie mit aufriefen, so eskalierte? Bedauern? Nein. „Wir bedauern, dass die Demo zerkloppt wurde, bevor wir überhaupt die Möglichkeit hatten, einen gemeinsamen politischen Ausdruck auf die Straße zu bringen“, sagt Lotta. Das „Gefahrengebiet“ jetzt, sagt Klaus dann lachend, das arbeite ihnen ja zu.

Weitere Themen

Kurz fordert Entlassung von Innenminister Kickl Video-Seite öffnen

Regierungskrise in Österreich : Kurz fordert Entlassung von Innenminister Kickl

Im Zuge des Ibiza-Skandals hat Österreichs Regierungschef Sebastian Kurz die Entlassung von FPÖ-Innenminister Herbert Kickl gefordert. Er habe Präsident Alexander van der Bellen Kickls Entlassung "vorgeschlagen", sagte Kurz. Wegen der Entlassung von Kickl will die rechtspopulistische FPÖ wie angekündigt sämtliche Minister aus der Regierung abziehen.

Topmeldungen

Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.