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Krawalle in Hamburg : Im Schützengraben

Aus Sicht der Polizei und des Senats dagegen hat sich die Maßnahme bisher als Erfolg erwiesen. Bis zum Freitag seien mehr als 800 Personen überprüft, rund 172 Aufenthaltsverbote ausgesprochen und zwölf Platzverweise erteilt worden. Zudem seien mehr als 65 Personen in Gewahrsam und fünf Personen vorläufig festgenommen worden, heißt es von der Polizei. Im Schnitt waren 250 bis 300 Polizisten im Einsatz. Zuletzt seien dann immer weniger Gefahrengegenstände bei Kontrollen gefunden worden. „Insofern ist der Fortbestand des Gefahrengebietes in dem bisherigen Ausmaß nicht mehr erforderlich.“ Bei vielen kontrollierten Personen seien zuvor Schlagwerkzeuge, Pyrotechnik und Steine konfisziert worden, sagt der Sprecher des Innensenators. Das „Gefahrengebiet“ sei aber auch deswegen ein Erfolg, da es als präventive Maßnahme zur Beruhigung der Lage, zum Schutz der Bevölkerung, von Polizeibeamten und öffentlicher Gebäude gedacht war. Allein: Von einer „Schutzzone“ statt eines „Gefahrengebiets“ zu sprechen, sagt der Sprecher dann noch, wäre vielleicht besser gewesen.

St.-Pauli-Kirche zwischen den Fronten

Manch einer vermutet hinter der harschen Reaktion der Polizei ein „Schill-Trauma“ der SPD. Olaf Scholz, heute Hamburgs Erster Bürgermeister, hatte sich 2001 als kurzzeitiger Innensenator vor der Bürgerschaftswahl mit dem Satz zitieren lassen: „Ich bin liberal, aber nicht doof.“ Rot-Grün wurde damals abgewählt, aus der Sicht vieler wegen des Themas innere Sicherheit. CDU, FDP und Ronald Schills „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“ koalierten.

„Ich halte die Gefahrenzone für eine Überreaktion“, sagt Sieghard Wilm. „Als wenn es um die letzte große Schlacht ginge.“ Wilm sitzt in seinem Büro, Blick auf den Hafen. Er ist Pastor in der St.-Pauli-Kirche, dem großen Backsteingebäude am Wasser. Seine Kirche hatte rund 80 Lampedusa-Flüchtlinge aufgenommen – und ist seitdem auch Teil der politischen Konflikte in der Stadt. Anfangs waren die Flüchtlinge in der Kirche untergekommen, heute leben noch 24 von ihnen in Containern auf dem Kirchengelände. Damit ist die St.-Pauli-Kirche zwischen die Fronten geraten. Auch vor seinem Haus gebe es jetzt nachts Demonstrationen, auch hier stünde Polizei, erzählt Wilm.

„Alles weggehauen“: Marc Classen, SPD-Abgeordneter in Altona

In der Kirche wird um 18 Uhr eine Andacht gehalten. Von draußen hört man die Schiffshupen, drinnen wird gesungen. „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen und wird vom Dunkel eingehüllt.“ In dieser Nacht gibt es wieder Krawalle, wieder sind Linksautonome und Polizisten unterwegs, die jeweils in kleine Gruppen durch St. Pauli und das Schanzenviertel eilen. Am Hallenbad St. Pauli kesselt die Polizei plötzlich einige Personen ein, stellt sie an eine Wand, will sie durchsuchen. Einer weigert sich, da ringen ihn zwei Polizisten zu Boden. Taschen und Rucksäcke werden inspiziert, die Papiere mit Taschenlampen untersucht. „Haut ab, haut ab“, skandieren ein paar Leute, die drumherum stehen.

Auf Twitter und Facebook wird unterdessen mitgeteilt, wo es gerade kleine Demonstrationszüge gibt. Von einem „Trainingsauftakt im Gefahrengebiet“ schreibt jemand. Eine Website ruft zum „Danger Zone Game“ auf. Krawall als Spiel. „It’s easy, it’s fun and you’re in it already.“ Es werden Tipps gegeben: schwarzer Kapuzenpullover, Band- oder Fanschals und ein „random happy walk“ nach Altona, St. Pauli oder durchs Schanzenviertel. Wer die häufigsten Polizeikontrollen erlebe, erhalte die meisten Punkte. Dazu der Tipp: Tütchen mit Backpulver oder Oregano in die Jacke, um Drogenkontrollen zu provozieren. Manche finden das witzig. Auch einige Bewohner witzeln tagsüber über das „Gefahrengebiet“. „Na, gut durchgekommen?“, heißt es dann. In einer Kneipe im Schanzenviertel liegen Zettel aus. Darauf steht, dass die Ausrufung des Wohngebiets zum „Gefahrengebiet“ deutlich die Verschlechterung des Wohnumfelds zeige. Ein „erhöhter Lärmpegel aufgrund von Polizeisirenen“ verringere den Wert der Mietfläche. Es ist ein Antrag auf Mietminderung. Man muss nur noch unterschreiben.

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