https://www.faz.net/-gpf-9ds49

Polizeieinsatz in Chemnitz : Symptome chronischer Überforderung

Weil am Abend Journalisten aus ganz Deutschland in Chemnitz waren, konnte man den Verlauf der Demonstration aus der Ferne fast in Echtzeit verfolgen. Felix Huesmann veröffentlichte um 21:49 Uhr einen kurzen Film mit den Worten: „Rechtsextreme bedrohen am Tatort von Sonntagnacht Journalisten.“ Die Szene ist gespenstisch: Ein Kamerateam, das offenbar wie viele andere an diesem Abend mit eigenen Sicherheitsleuten unterwegs ist, wird von mehreren Menschen bedrängt, am Ende kommt ein Mann mit Sturmmaske und sagt: „Kamera runter“. Unter dem Schutz der eigenen Sicherheitsleute ziehen sich die Journalisten zurück. Von der Polizei ist nichts zu sehen.

Viele Beobachter zeigten sich den ganzen Abend lang immer wieder fassungslos darüber, dass Gegendemonstranten, Journalisten und Passanten an vielen Stellen völlig ungeschützt den aggressiven rechten Demonstranten gegenüberstanden. „Wie können hier so wenige Polizisten sein, nachdem was gestern passiert ist?“, schrieb der Reporter Raphael Thelen, der für „Spiegel Online“ an Ort und Stelle war. Schon kurz vorher hatte er getwittert: „Unglaublich. Neonazis versuchten gerade einen Durchbruch, schmissen Flaschen und Böller auf Gegendemonstration und jetzt lässt die @PolizeiSachsen sie trotzdem aus dem Kessel und loslaufen. Sie brüllten Passanten an: ,Ich schieße euch ab Ihr Kanacken!‘“ Direkt danach beobachtete Thelen: „Zehn Neonazis stürmten gerade aus der Demo raus, griffen Passanten an, rissen sie zu Boden.“

Als die Demonstration sich gegen 21:30 Uhr auflöste, wurde die Situation eher noch bedrohlicher. Reporter Felix Huesmann schrieb zu einem Video: „Vorerst letztes Videoupdate aus #Chemnitz. Die Lage im Stadtgebiet ist unübersichtlich, in weiten Teilen ist kaum Polizei. Frei bewegen kann ich mich deshalb nicht mehr.“ Beobachter Henrik Merker schrieb: „Neonazi-Angriff auf Punk, liegt blutend am Boden. Polizei vor Ort. Hubschrauber über #Chemnitz. Neonazis hatten vermummt in Seitengasse gelauert. Passt auf euch auf!“ Der Account „News-Photo“ veröffentlichte einen Beitrag: „Meine Kollegen vor Ort müssen sich vor Neonazischlägern Verstecken. Sie werden nun sicher aus der Stadt gebracht. Eine Berichterstattung ist nicht möglich.“ Raphael Thelen schrieb: „Ich bin im Hotel, weil es draußen nicht mehr sicher wäre. Sachsen hat heute Abend sein Gewaltmonopol vergeben.“

Mindestens 20 Verletzte

Aber nicht nur Teilnehmer der rechten Demonstration wurden gewalttätig. Die Polizei Sachsen schrieb gegen 23 Uhr: „Auf der Abreise wurden vier Teilnehmer der Versammlung Pro Chemnitz durch 15 - 20 Angreifer verletzt. Zwei der Verletzten mussten zur Behandlung in ein Krankenhaus gebracht werden.“ Ein Polizeisprecher in Chemnitz räumte ein, dass die Einsatzkräfte abermals über zu wenig Personal verfügt haben. Man habe mit einigen Hundert Teilnehmern gerechnet, nicht aber mit „einer solchen Teilnehmerzahl“. Der Einsatz sei nicht störungsfrei verlaufen.

Warum die Polizei die Lage offenbar abermals dramatisch unterschätzte, ist bislang unklar. Die zuständige Direktion in Chemnitz teilte am Dienstagmittag mit, der Großeinsatz am Montag sei mit Unterstützung der sächsischen Bereitschaftspolizei durchgeführt worden. Insgesamt seien 591 Einsatzkräfte der Polizei über die gesamte Zeitdauer präsent gewesen. Den Einsatzkräften sei es weitgehend gelungen, die Versammlungsfreiheit und die Sicherheit der Teilnehmer zu gewährleisten. Das Ziel sei es gewesen, für die Deeskalation sowie die strikte Trennung der beiden Demonstrationen der Partei „Die Linke“ und der Bürgerbewegung „Pro Chemnitz“ zu gewährleisten. Bei den beiden Versammlungen sei es zwischenzeitlich dennoch zu Zusammenstößen bekommen. Verletzt wurden demnach mindestens 18 Demonstranten sowie zwei Polizisten. Hinzu kamen zudem bislang 43 Anzeigen wegen Landfriedensbruchs, der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Körperverletzungsdelikten und Verstößen gegen das Sächsische Versammlungsgesetz.

Weitere Themen

Weitere Zeugen belasten Trump Video-Seite öffnen

Impeachment-Untersuchung : Weitere Zeugen belasten Trump

Jennifer Williams, Sicherheitsberaterin bei Vizepräsident Mike Pence und Army-Offizier Alexander Vindman standen bei der neusten Anhörung zur möglichen Amtsenthebung Donald Trumps im Zeugenstand – und auch ihre Schilderungen belasten den Präsidenten.

Topmeldungen

Die israelische Siedlung Migron in der Westbank

Israel und Palästina : Die Besetzung bleibt rechtswidrig

Zumindest für den UN-Sicherheitsrat ist die Sache klar: Der Bau israelischer Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten bleibt völkerrechtswidrig – und Israel ist aufgefordert, alle Siedlungsaktivitäten einzustellen.

Johnson gegen Corbyn : Kaum Fehler, aber auch keine Vorstöße

Vor der Wahl in Großbritannien sind Premierminister Johnson und sein Herausforderer Jeremy Corbyn im britischen Fernsehen aufeinandergetroffen. Doch den hohen Erwartungen der Vortage konnte das TV-Duell nicht standhalten.
Mann des Abends: Serge Gnabry

6:1 gegen Nordirland : Deutsches Schaulaufen zum Gruppensieg

Zum Abschluss bereitet die EM-Qualifikation doch noch unbeschwerte Freude: Gegen Nordirland gibt es einen 6:1-Sieg. Gnabry trifft dreimal, Goretzka zweimal. Zur Belohnung gibt es im Sommer drei EM-Heimspiele.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.