https://www.faz.net/-gpf-9rcm4

Pränataldiagnostik : Krankenkassen sollen Bluttest auf Down-Syndrom bezahlen

Im Blut der Mutter können im Labor Zellen des ungeborenen Kindes untersucht werden. Bild: dpa

Der Bluttest, der die risikoreichere Punktion ergänzen soll, wird aber an bestimmte Voraussetzungen gebunden sein. Behindertenverbände warnen vor Selektion.

          3 Min.

          Die gesetzlichen Krankenkassen sollen in Zukunft einen Bluttest bezahlen, mit dem Schwangere herausfinden können, ob ihr ungeborenes Kind das Down-Syndrom oder eine ähnliche Veränderung des Erbguts hat. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss, das höchste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, am Donnerstag in Berlin beschlossen. Das Bundesgesundheitsministerium muss der Entscheidung noch zustimmen, sie soll dann vom Jahr 2021 an gelten.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Der Anspruch auf Kostenübernahme des Bluttests besteht allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen – so soll verhindert werden, dass der Test massenhaft angewandt wird, um ungeborene Kinder systematisch zu untersuchen. Zum einen sollen Mütter, die den Test in Anspruch nehmen, eine umfassende ärztliche Beratung bekommen. Die Grundlage dieser Beratung soll eine sogenannte Versicherteninformation sein, also ein Leitfaden, der erst noch ausgearbeitet werden muss. Die Versicherteninformation soll Ende 2020 vom Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossen werden. 

          Eine weitere Bedingung der Kostenübernahme ist, dass der behandelnde Arzt der Meinung ist, dass eine Risikoschwangerschaft besteht und der Test sinnvoll ist. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Schwangere schon älter ist oder sie bereits ein Kind mit der Genmutation auf die Welt gebracht hat. Diese Entscheidung soll aber nicht anhand feststehender Kriterien fallen, sondern stets individuell.

          Der Bluttest ist bereits seit etwa sieben Jahren auf dem Markt und wird inzwischen von mehreren Herstellern angeboten. Dabei wird der Mutter Blut entnommen und im Labor untersucht; in dem Blut der Mutter befinden sich von einem bestimmten Zeitpunkt der Schwangerschaft an genügend Zellen des ungeborenen Kindes. Bislang mussten Schwangere, die in diesem Punkt Gewissheit haben wollten, den Test selbst bezahlen. Die Kosten lagen zuletzt bei wenigen hundert Euro.

          Um zu bestimmen, ob das ungeborene Kind das Down-Syndrom hat, mussten Ärzte bislang das Fruchtwasser oder die Plazenta mit einer Kanüle punktieren. Diese Untersuchung ist seit 1975 Standard, birgt aber Risiken für Mutter und Fötus - fünf bis zehn von 1000 untersuchten Frauen verlieren das Kind daraufhin. Die Kosten der Punktion wurden bislang von den Kassen übernommen.

          Nachdem der Gemeinsame Bundesausschuss – in dem Vertreter von Kassen, Ärzten und Patienten sitzen – der Kostenübernahme des Bluttests durch die gesetzliche Krankenversicherung zugestimmt hat, steht Müttern demnächst ein weniger riskanter Test zur Verfügung. Wenn der Bluttest positiv ausfällt, gilt eine anschließende Punktion allerdings weiterhin als nötig, um Gewissheit zu erlangen.

          Die Bundesvereinigung Lebenshilfe, die die Interessen von Behinderten vertritt, sieht den Bluttest allerdings kritisch. Es bestehe die Gefahr, dass Menschen mit Behinderung schon vor der Geburt „aussortiert“ würden, sagte Lebenshilfe-Vorstandsmitglied Sebastian Urbanski am Donnerstag dem Südwestrundfunk. Urbanski hat selbst das Down-Syndrom. Dabei ist das Chromosom 21 in jeder Zelle drei- statt zweimal vorhanden, in der Folge sind Betroffene in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung häufig eingeschränkt.  

          Urbanski sagte, er hoffe, dass die neuen Bluttests nicht zu noch mehr Abtreibungen von Kindern mit Behinderungen führen. Bereits jetzt entscheiden sich viele Mütter dafür, einen Fötus mit Trisomie 21, wie das Down-Syndrom auch heißt, abzutreiben. Schätzungsweise kommt nur eines von zehn Kindern, bei dem die Genmutation vor der Geburt festgestellt wurde, zur Welt. Genaue Zahlen dazu gibt es allerdings nicht.

          Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Corinna Rüffer, kritisierte die Entscheidung des Ausschusses. „Die Kassenübernahme des Tests suggeriert, er sei sinnvoll. Deshalb werden ihn Schwangere vermehrt nutzen. Wer ihn nicht machen möchte, wird sich eher rechtfertigen müssen“, sagte Rüffer. „Die Debatte ist mit der heutigen Entscheidung nicht beendet. Auch mit Blick auf künftige Tests müssen wir dringend die Grenzen und Bedingungen molekulargenetischer Testverfahren in der Schwangerschaft festlegen.“ Der Bundestag werde den Prozess weiterführen, der mit der Orientierungsdebatte im April begonnen hat. 

          Die katholische Kirche lehnt den Bluttest ab, die Evangelische Kirche zeigte sich dafür aufgeschlossen, wenn die Eltern vorher ausreichend beraten werden. Auch Peter Dabrock, der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, zeigte sich im Vorfeld der Entscheidung offen dafür, Eltern den Test zu ermöglichen, ohne dass sie diesen privat bezahlen müssen.

          Weitere Themen

          SPD will Hartz IV hinter sich lassen Video-Seite öffnen

          Dreyer auf Bundesparteitag : SPD will Hartz IV hinter sich lassen

          Die SPD will mit ihrem Sozialstaatskonzept den innerparteilichen Dauerstreit über die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 beenden. Das verkündete Rheinland-Pfalz’ Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei ihrer Rede auf dem Bundesparteitag.

          Rien ne va plus

          Auch Montag Streiks in Frankreich : Rien ne va plus

          Frankreich steht still: Am Samstag fährt nur ein Bruchteil der Züge, Lkw-Fahrer legen gleich mehrere Autobahnen lahm. Und die Gewerkschaften kündigen weitere massive Proteste an – auch zum Beginn der neuen Woche.

          Topmeldungen

          Erfolgreich im Beruf : Verborgene Helden

          Mit Karriere verbinden wir Geld, Aufstieg und Ruhm. Erfolg und Erfüllung gibt es aber auch hinter den Kulissen. Fünf Beispiele für ein erfülltes Berufsleben.

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          1:2 in Mönchengladbach : Die Bayern verlieren die Kontrolle und das Spiel

          Die Münchner dominieren das Topspiel zunächst nach Belieben, treffen aber das Tor nicht. Als sie es doch tun, kommt Gladbach schnell zum Ausgleich. In der Nachspielzeit überschlagen sich dann die Ereignisse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.