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Konferenz zum Kopftuch : „Höchste Zeit für das Ende der Sprechverbote“

  • -Aktualisiert am

„Mein Körper, meine Entscheidung“: Demonstranten protestieren gegen die Konferenz „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“. Bild: dpa

Die Proteste bei der Konferenz zum islamischen Kopftuch in Frankfurt fallen verhalten aus. Eine angespannte Stimmung herrscht dagegen im Konferenzraum – vor allem wegen der Wortwahl der Vortragenden.

          Seit dem Jahr 2015 und dem verstärkten Zuzug von Menschen aus muslimischen Ländern wird hierzulande vermehrt über den Islam und dessen Einfluss diskutiert. Am Mittwoch versuchte sich die Universität Frankfurt an einer Konferenz mit dem Titel „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“. Schon vor Beginn hatte die Veranstaltung für Aufsehen gesorgt. Gegen die Ausrichterin Susanne Schröter – die Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam“ (FFGI) – hatte es in sozialen Netzwerken Beschimpfungen und Drohungen gegeben. Einige Studenten warfen ihr antimuslimischen Rassismus vor. Schröter, selbst selten um deutliche Worte verlegen, sprach am Mittwoch von einem „Angriff“, der abgewehrt worden sei und dem auch islamistische Gruppen gefolgt seien.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Die Leitung der Universität hatte sich angesichts der Proteste öffentlich hinter Schröter gestellt; auch am Mittwoch tat sie das wieder. Von der Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit und der Universität als „Ort auch kontroversen Diskurses“ sprach die Präsidentin der Goethe-Universität, Birgitta Wolff. Schröter nannte die Unterstützungsbekundungen ein „Bekennen“ zur Meinungsfreiheit als Grundlage der Demokratie, ja ein „Zeichen, weit über Deutschland hinaus“. In aufgeheizter Atmosphäre begann denn auch am Mittwoch die Konferenz – obwohl vor dem Gebäude nur etwa ein Dutzend Demonstranten mit selbstbemalten Pappschildern im Nieselregen standen. Rund 700 Anmeldungen gab es, im Saal fanden aber nur 150 Personen Platz.

          Drinnen hoffte zu Beginn Rainer Forst, der Sprecher des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“, an dem Schröter forscht, auf eine Konferenz des „offenen und toleranten Wortes“. Das Kopftuch sei ein „ambivalentes Phänomen“, es gebe „Druck“, sich anzupassen, sowohl aus der Mehrheitsgesellschaft als auch aus den Herkunftsländern, sagte Forst. Er zitierte aus Theodor W. Adornos „Minima Moralia“: den „besseren Zustand“ denken als einen, in dem man „ohne Angst verschieden sein kann“. Das bedeute auch, dass ein Kopftuch selbstbewusst getragen werden könne ohne Druck und Stigma – „auch als Lehrerin“. „Pfui“, ertönte es umgehend von den hinteren Stuhlreihen.

          Schröter hatte Vortragende von beiden Seiten der Debatte eingeladen – und war jeweils kritisiert worden. Eingeladen waren etwa die Feministin Alice Schwarzer, aber auch die Journalistin Khola Maryam Hübsch, die Mitglied der islamischen Ahmadiyya-Gemeinde ist. Wobei es eine „kleine Unwucht“ (Schröter) zugunsten einer kritischen Sicht gab. Tatsächlich war diese Unwucht groß. Hübsch stand mit ihrer Sichtweise fast allein. Einem echten Meinungsaustausch und einer „fairen Debatte“, die Schröter eingangs anmahnte, war das nicht zuträglich.

          Als erste Vortragende sprach Schröter selbst über „repressive Ästhetik“. Auslöser für die Konferenz, so Schröter, sei die aktuelle Ausstellung im Frankfurter Museum Angewandte Kunst zur muslimischen Mode. Bei dieser habe ihr der Kontext gefehlt; „ein Kopftuch ist eben nicht nur Mode“. Am Beispiel Indonesiens zeigte sie den „Rollback“ eines politischen Islams und einen zunehmenden Zwang zur Verschleierung auf. Schröter betonte, ein Kopftuch zu tragen sage „nichts über die Trägerinnen aus“; „man kann Feministin sein und auch ein Kopftuch tragen“. Es gelte, die individuelle Ebene von der systemischen zu unterscheiden. Doch sei es angesichts dieses „Systems“ um die Freiheit von Mädchen in Deutschland nicht gut bestellt. In einigen Schulen würden Mädchen gemobbt, die kein Kopftuch tragen.

          Sprecherin auf der Konferenz: Feministin Alice Schwarzer

          In eine ähnliche Kerbe wie Schröter, nur tiefer und mit deftigeren Worten, schlug Alice Schwarzer, die Herausgeberin der Zeitschrift „Emma“. Sie sprach zum Thema: „Von Teheran bis Neukölln. Der Siegeszug des politisierten Islams, nicht zuletzt dank einer falschen Toleranz“. Schwarzer behauptete, wenn Frauen in muslimischer Kultur die Wahl hätten, würden sie in „überwältigender Mehrheit“ kein Kopftuch tragen. Dieses bezeichnete sie als die „Flagge des politisierten Islams“. Es sei „höchste Zeit für das Ende der Sprechverbote“, sagte Schwarzer. Es könne nicht sein, dass jeder, der das Kopftuch und das „System dahinter“ in Frage stelle, als Rassist und Nazi beschimpft werde. Schwarzer zufolge gibt es seit den neunziger Jahren eine „breite islamistische Offensive in Deutschland“. Im Namen einer „verordneten Fremdenliebe“ und „falschen Toleranz“ aufgrund der deutschen Vergangenheit hätten jedoch die meisten weggeschaut, so Schwarzer. Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln seien „kein Versehen“, sondern eine „politische Demonstration“ – „dafür, dass eine Frau abends nichts mehr auf der Straße zu suchen hat“. Schwarzer sprach sich für ein Verbot des Kopftuches für Kinder, an Schulen und im öffentlichen Dienst aus.

          Mit der Forderung war sie in Frankfurt nicht allein. Auch die meisten anderen Redner erwiesen sich als zum Teil äußerst scharfe Kritiker des Kopftuchs und trafen auf ein empörungsbereites Publikum. Necla Kelek, die Vorstandsvorsitzende von „Terre des Femmes“, stellte die Petition ihrer Organisation für ein Kopftuchverbot bis zum Alter von 18 Jahren vor. „Terre des Femmes“ setzt sich für Frauenrechte ein, ihr wurde zuletzt aber vermehrt vorgeworfen, dabei eine antimuslimische Tendenz einzuschlagen. Allein Hübsch, Mitglied der Ahmadiyya-Gemeinde, besetzte bei den Veranstaltungen eine dezidiert andere Position. Sie kritisierte die Rednerliste als einseitig, forderte Respekt gegenüber Minderheiten sowie einen ausgewogeneren Dialog und äußerte, Frauen müsse es selbst überlassen bleiben, ob sie ein Kopftuch trügen oder nicht.

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