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Konzert vor der Frauenkirche : „Dresden, das kann doch echt nicht sein!“

  • -Aktualisiert am

Hertbert Grönemeyer beim Konzert für Weltoffenheit und Toleranz auf dem Dresdner Neumarkt Bild: dpa

Hochkarätige Stars haben in Dresden ein Zeichen für eine „bunte und offene“ Stadt gesetzt. In Richtung Pegida gab es deutliche Worte. Herbert Grönemeyer sprach von einer „Katastrophe“. Sigmar Gabriel verteidigt unterdessen seine Diskussion mit Pegida-Anhängern.

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          Am Ende machte Herbert Grönemeyer einen konstruktiven Vorschlag: „Vielleicht könnte man Pegida in ‚Demokratischer Aufbruch am Montag gegen Rechts’ umbenennen“, rief der Sänger über den Dresdner Neumarkt. „Das wäre präziser und unmissverständlicher. Man würde besser gehört, ernster genommen und grenzt sich eindeutig gegen jedweden Geist von Rechtsaußen ab, aber gibt Dresden seinen Stolz und seine Würde wieder.“

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Darum ging es schließlich am Montagabend, dem ersten seit langem, an dem mal wieder andere Bilder aus Dresden zu sehen waren: Eine fröhliche Menge statt einer wütenden Masse, lachende statt verkniffene Gesichter, Zugabe- statt Volksverräter-Rufe. Der erst vor vier Wochen als Reaktion auf die Demonstrationen von Pegida gegründete Bürgerverein „Dresden – Place to be“ hatte ein Konzert für Weltoffenheit und Toleranz ins Leben gerufen, ohne politische Reden, mit viel Musik, aber vor allem mit einer eindeutigen Botschaft: „Offen und bunt – Dresden für alle“.

          Dem Aufruf waren zahlreiche Künstler gefolgt, darunter Adel Tawil, Keimzeit, Wolfgang Niedecken, Jupiter Jones, Sarah Connor, Gentleman, Woods of Birnam, Jeanette Biedermann, Silly und Sebastian Krumbiegel von den Prinzen. Bei teilweise strömenden Regen spielten sie vier Stunden lang auf dem völlig überfüllten Platz zu Füßen der Frauenkirche; nach Polizeiangaben nahmen 22.000 Menschen daran teil.

          In Videobotschaften und Statements erklärten Dresdner, ausländische Studenten, Forscher und weitere Künstler ihre Solidarität, aber auch ihre Unverständnis für die gegenwärtige Lage in der Stadt. „Das Dresden, das sich in den vergangenen Wochen zeigt, ist nicht das Dresden, das ich kennengelernt habe“, sagte ein italienischer Student.

          „Offen und bunt“ : Konzert für Weltoffenheit in Dresden

          Die Dresdner Künstlerin Annamateur sprach unter großem Jubel die Einwohner direkt an: „Dresden, das kann doch echt nicht sein! Jeden Montag dieses Gefluche, Gefruste und Gemeckere.“ Kai Simons, Gründungsdirektor des Dresdner Max-Planck-Instituts, in dem Forscher aus 45 Ländern arbeiten, sagte, dass Ausländer jede Menge Arbeitsplätze in der Stadt schafften. „Ich bin Dresdner und Finne zugleich“, sagte Simons. „Und ich möchte, dass sich Dresden zu einem Motor für Bürgernähe und Kreativität entwickelt.“

          Die Dresdner Band „Yellow Umbrella“ ging mit ihrem Lied „No Pegida“ auch direkt auf den Anlass der Veranstaltung ein, deren Tenor allerdings bewusst nicht gegen Pegida gerichtet war. Das asyl- und islamkritische Bündnis, das seine Kundgebung wegen des Großkonzerts einen Tag vorverlegt hatte, hatte seinen Demonstranten freigestellt, an dem Konzert teilzunehmen – für Toleranz und Weltoffenheit sei man schließlich auch – freilich nicht ohne den Hinweis, dass dafür ja sowieso Steuergeld eingesetzt werde.

          Auftritt ohne Gage

          Gezielt hatte Pegida Gerüchte verbreitet, der Staat bezahle die Veranstaltung und die Künstler verdienten sich eine goldene Nase. Doch alle Sänger und Bands traten ohne Gage auf, und der private Verein stellte klar, dass man „unabhängig von König, Staat und Kirche“ sei. Die gesamte Veranstaltung werde ausschließlich durch Spenden finanziert, was durchaus ein Novum ist für Dresden, wo man, und darin sind sich Anhänger und Gegner von Pegida näher als sie denken, häufig erwartet, dass der Staat die Dinge regelt.

          Der Staat, in diesem Fall Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, hatte allerdings schon zuvor deutlich gemacht, wie weit seine Toleranz reicht. „Der Islam gehört nicht zu Sachsen“, ließ er am Wochenende per Interview verbreiten und erntete dafür am Montag ein gellendes Pfeifkonzert. „Der Islam gehört zu Sachsen wie Blümchenkaffee zur Eierschecke“, rief der 24 Jahre alte Khaldun Al Saadi ironisch und in breitem Sächsisch von der Bühne. Er kam in Karl-Marx-Stadt zur Welt und ist Vorsitzender des Islamischen Zentrums in Dresden, eines Vereins, der zu DDR-Zeiten von Studenten und Vertragsarbeitern gegründet wurde; Al Saadis Vater stammt aus dem Jemen.

          „Es ist eine unglaubliche Wohltat nach all diesen Wochen mal eine Veranstaltung zu sehen, die für etwas ist“, sagte Robert Koall, Chefdramaturg des Staatsschauspiels Dresden, das die Veranstaltung mitorganisiert hatte. Diese Stimmung lasse man sich selbst nicht von den „engstirnigen Bemerkungen eines Ministerpräsidenten“ kaputt machen. „Ich habe das Gefühl, endlich wieder atmen zu können in dieser Stadt“, sagte eine Besucherin.

          Risse im Ruf der Stadt

          Freilich wurde an diesem Abend ein bisschen zu oft und zu demonstrativ betont, dass man „ein Zeichen setzen“ wolle und doch tolerant und weltoffen sei. Doch vielleicht war das nur eine Überkompensation, denn genau daran hatte es ja an den vergangenen Montagen gefehlt, als die Mehrzahl der Dresdner lieber zu Hause geblieben war und lieber im Fernsehen dabei zugeschaut hatte, wie der Ruf ihrer Stadt in der Welt nicht nur Risse bekam, sondern regelrecht zerbröselte.

          So kam es dann auch, dass Jonas Seufert, ein junger Mann, der sich in einem Dresdner Netzwerk um Flüchtlinge kümmert, konstatierte, dass vor allem Asylbewerber und Flüchtlinge unter diesem Klima litten und sich in Dresden die Politik und Teile der Zivilgesellschaft leider oft erst dann schützend vor die Betroffenen stellten, wenn der gute Ruf oder der Wirtschaftsstandort Schaden zu nehmen drohten.

          Herbert Grönemeyer wiederum macht vor dem letzten Lied des Abends („Mensch“) deutlich, dass er sich auch mit Pegida auseinandergesetzt hatte. „Dass Menschen sich in Deutschland übergangen und politisch nicht wahrgenommen fühlen, kann ich gut nachvollziehen“, sagte der Sänger. „Dass sie sich Gehör verschaffen und in ihren berechtigten Ängsten und Forderungen ernst genommen werden wollen, ist demokratisch, für eine öffentliche Debatte in der Gesellschaft fruchtbar und hilfreich.“

          „Zutiefst undemokratisch“

          Wenn aber mal wieder eine religiöse Gruppe für vielschichtige, teilweise diffuse Befürchtungen als Sündenbock und Zielscheibe ausgemacht werde, sei das eine Katastrophe, rief Grönemeyer. Es ist absurd, zutiefst undemokratisch, Unrecht und das geht gar nicht.“ Er wisse, dass Pegida sich auf dem Papier von Extremismus distanziere. Aber Menschen mit gut gemeinten Anliegen dürfte sich nicht für zynische Absichten missbrauchen lassen.

          Die rund vier Millionen Muslime hierzulande hätten auch zum Wirtschaftswunder beigetragen, zahlten Solidaritätszuschlag und setzten sich für Deutschland ein, sagte der Sänger. „Was uns alle verbindet, ist die Angst vor politischem und religiösen Extremismus“, rief Grönemeyer, der zum Schluss sehr deutlich wurde: „Jedes Gestammel von Überfremdung ist eine verbale Brandstiftung und eine ignorante Verblendung. Die Welt ist geöffnet, jeder hat Zugang, nicht nur wir. Wem die Nächstenliebe fremd ist, der sollte auch kein Verständnis für sich selber einfordern.“

          Dass Dresden tatsächlich mehr als dieses eine Mal „bunt und offen“ ist, diesen Beweis wird die Stadt freilich erst noch erbringen müssen. Christian Friedel, Sänger der Band „Woods of Birnam“, fasste diesen Wunsch so zusammen: „Es muss auch ohne Konzert möglich sein, gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße zu gehen.“ Nach Wunsch der Organisatoren bereits am kommendem Montag, wenn Pegida abermals demonstrieren will.

          Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel verteidigte unterdessen erneut seine Teilnahme an einer Diskussion mit Pegida-Anhängern. „Die Politik, die Parteien und die Abgeordneten werden pauschal als bürgerfern, unfähig und selbstsüchtig bezeichnet. Deshalb wäre es wichtig, wenn sich Politiker diesen Vorwürfen stellen“, sagte Gabriel der Zeitung „Bild“ (Dienstag). Er sei in Dresden gewesen, „weil ich mal unmittelbar hören wollte, was die normalen Bürger sagen. Auch welche Sorgen und Ängste sie haben.“ Gabriels Besuch hatte in der SPD-Spitze einen offenen Dissens über den Umgang mit Anhängern der Pegida-Bewegung ausgelöst. Gabriel verneinte Meinungsverschiedenheiten mit SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, die Gespräche mit Sympathisanten des islamkritischen Bündnisses ablehnt. Gefragt, ob er seine Generalsekretärin düpiert habe, sagtete Gabriel: „Nein, gewiss nicht. Wir sind uns einig, dass man mit den Organisatoren von Pegida die oftmals rechtsextrem und ausländerfeindlich sind, nicht reden sollte.“ Gabriel hatte am Freitag überraschend an einer Diskussionsveranstaltung mit Pegida-Anhängern in Dresden teilgenommen.

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