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Konzert vor der Frauenkirche : „Dresden, das kann doch echt nicht sein!“

  • -Aktualisiert am

Risse im Ruf der Stadt

Freilich wurde an diesem Abend ein bisschen zu oft und zu demonstrativ betont, dass man „ein Zeichen setzen“ wolle und doch tolerant und weltoffen sei. Doch vielleicht war das nur eine Überkompensation, denn genau daran hatte es ja an den vergangenen Montagen gefehlt, als die Mehrzahl der Dresdner lieber zu Hause geblieben war und lieber im Fernsehen dabei zugeschaut hatte, wie der Ruf ihrer Stadt in der Welt nicht nur Risse bekam, sondern regelrecht zerbröselte.

So kam es dann auch, dass Jonas Seufert, ein junger Mann, der sich in einem Dresdner Netzwerk um Flüchtlinge kümmert, konstatierte, dass vor allem Asylbewerber und Flüchtlinge unter diesem Klima litten und sich in Dresden die Politik und Teile der Zivilgesellschaft leider oft erst dann schützend vor die Betroffenen stellten, wenn der gute Ruf oder der Wirtschaftsstandort Schaden zu nehmen drohten.

Herbert Grönemeyer wiederum macht vor dem letzten Lied des Abends („Mensch“) deutlich, dass er sich auch mit Pegida auseinandergesetzt hatte. „Dass Menschen sich in Deutschland übergangen und politisch nicht wahrgenommen fühlen, kann ich gut nachvollziehen“, sagte der Sänger. „Dass sie sich Gehör verschaffen und in ihren berechtigten Ängsten und Forderungen ernst genommen werden wollen, ist demokratisch, für eine öffentliche Debatte in der Gesellschaft fruchtbar und hilfreich.“

„Zutiefst undemokratisch“

Wenn aber mal wieder eine religiöse Gruppe für vielschichtige, teilweise diffuse Befürchtungen als Sündenbock und Zielscheibe ausgemacht werde, sei das eine Katastrophe, rief Grönemeyer. Es ist absurd, zutiefst undemokratisch, Unrecht und das geht gar nicht.“ Er wisse, dass Pegida sich auf dem Papier von Extremismus distanziere. Aber Menschen mit gut gemeinten Anliegen dürfte sich nicht für zynische Absichten missbrauchen lassen.

Die rund vier Millionen Muslime hierzulande hätten auch zum Wirtschaftswunder beigetragen, zahlten Solidaritätszuschlag und setzten sich für Deutschland ein, sagte der Sänger. „Was uns alle verbindet, ist die Angst vor politischem und religiösen Extremismus“, rief Grönemeyer, der zum Schluss sehr deutlich wurde: „Jedes Gestammel von Überfremdung ist eine verbale Brandstiftung und eine ignorante Verblendung. Die Welt ist geöffnet, jeder hat Zugang, nicht nur wir. Wem die Nächstenliebe fremd ist, der sollte auch kein Verständnis für sich selber einfordern.“

Dass Dresden tatsächlich mehr als dieses eine Mal „bunt und offen“ ist, diesen Beweis wird die Stadt freilich erst noch erbringen müssen. Christian Friedel, Sänger der Band „Woods of Birnam“, fasste diesen Wunsch so zusammen: „Es muss auch ohne Konzert möglich sein, gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße zu gehen.“ Nach Wunsch der Organisatoren bereits am kommendem Montag, wenn Pegida abermals demonstrieren will.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel verteidigte unterdessen erneut seine Teilnahme an einer Diskussion mit Pegida-Anhängern. „Die Politik, die Parteien und die Abgeordneten werden pauschal als bürgerfern, unfähig und selbstsüchtig bezeichnet. Deshalb wäre es wichtig, wenn sich Politiker diesen Vorwürfen stellen“, sagte Gabriel der Zeitung „Bild“ (Dienstag). Er sei in Dresden gewesen, „weil ich mal unmittelbar hören wollte, was die normalen Bürger sagen. Auch welche Sorgen und Ängste sie haben.“ Gabriels Besuch hatte in der SPD-Spitze einen offenen Dissens über den Umgang mit Anhängern der Pegida-Bewegung ausgelöst. Gabriel verneinte Meinungsverschiedenheiten mit SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, die Gespräche mit Sympathisanten des islamkritischen Bündnisses ablehnt. Gefragt, ob er seine Generalsekretärin düpiert habe, sagtete Gabriel: „Nein, gewiss nicht. Wir sind uns einig, dass man mit den Organisatoren von Pegida die oftmals rechtsextrem und ausländerfeindlich sind, nicht reden sollte.“ Gabriel hatte am Freitag überraschend an einer Diskussionsveranstaltung mit Pegida-Anhängern in Dresden teilgenommen.

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