https://www.faz.net/-gpf-7b6oy

Kontrolle von Netzen und Kraftwerken : Strom aus Freilandhaltung

  • -Aktualisiert am

An diesem Wasser können Sie bauen: Schwäbisch Hall im Sommer Bild: Clemens Zahn/laif

Strom soll lokal erzeugt und von kleinen Stadtwerken verteilt werden, damit die Gewinne in der Heimat bleiben. Das ist die romantische Vorstellung von der „Rekommunalisierung“ der Netze. Aber das kann nicht in jeder Stadt so gut funktionieren wie in Schwäbisch-Hall.

          7 Min.

          In Isola Rizza gibt es ein Problem. Eine Videokamera wird hinzugeschaltet. Ein rotes Licht blinkt. Auf dem an die Wand projizierten Schaltbild sind Kraftwerke in Passau, Sindelfingen und Italien zu sehen. Vor wenigen Minuten muss irgendetwas in der Photovoltaik-Anlage in Venetien passiert sein. Vielleicht ist ein Hase über ein Photovoltaik-Element gelaufen, vielleicht hat sich ein Fußgänger verirrt. Volker Borchers ist Dispatcher der Stadtwerke Schwäbisch Hall. Er sitzt in einem großen Kontrollraum in einem modernen Zweckgebäude am Haller Stadtrand. „Dort in Italien gibt es einen Vorfall, wir werden gleich eine Meldung bekommen.“ Die Schwäbisch Haller Stadtwerke machen das, wovon viele andere deutsche Stadtwerke noch träumen: Sie kontrollieren Netze und Kraftwerke in vielen deutschen Regionen und sogar im Ausland.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          1990 hatten die Stadtwerke noch hundert Beschäftigte, jetzt sind es 500. Lange vor der Energiewende haben sie erkannt, dass die Steuerung von Netzen und die Übernahme von Dienstleistungen für kleine Energieversorger ein interessantes Geschäftsfeld ist. Für die Kontrolle der Netze haben die Stadtwerke eine große Leitwarte gebaut. Borchers und seine Mitarbeiter kontrollieren Stromverteilknotenpunkte, bekommen angezeigt, wann wie viel Strom aus Wind- und Solaranlagen gerade eingespeist wird, ob das mit Biomethan betriebene Blockheizkraftwerk mit voller Last läuft, wie das Fernwärmenetz gerade genutzt wird. 14 Netze anderer Stadtwerke werden von der Stadt im Hohenlohischen, im Norden Baden-Württembergs gelegen, gesteuert.

          Die Zukunft der Netze

          Darunter sind große Städte wie Sindelfingen mit dem größten Daimler-Werk Deutschlands, aber auch kleinere wie Ditzingen, Staufen oder Ottobrunn. „Übersicht HKW Alfred Leitkam“-Straße ist die Übersichtsdarstellung betitelt. Zu sehen sind Icons für Turbinen, rote Stromleitungen sowie die Heizkessel eines Kraftwerks. „Der Mensch kann gar nicht entscheiden, der Rechner macht Vorschläge, wie die Kraftwerke zu fahren sind, wir wählen daraus einen Vorschlag aus“, sagt Borchers.

          Weil die meisten Konzessionsverträge zum Betrieb der Netze eine Laufzeit von zwanzig Jahren haben, werden die Verträge in vielen Kommunen derzeit neu ausgehandelt. Von 2013 bis 2016 entscheiden etwa 1300 Kommunen über die Zukunft ihrer Netze. Darunter sind auch die Großstädte Bonn, Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg. Es geht um viel Geld, den Einfluss der Energiekonzerne, das Gelingen der Energiewende und natürlich auch weltanschaulich gefärbte Standpunkte.

          In Stuttgart zum Beispiel geht es um die Einnahme von Netznutzungsentgelten in Höhe von vier Milliarden Euro innerhalb der nächsten zwanzig Jahre. Städte wollen ihre Stadtwerke stärken oder gründen sogar neue. Bürgerinitiativen und die Grünen sehen die große Chance, die Macht der Stromkonzerne zu brechen. Die Grünen im Südwesten hatten noch bis vor kurzem Musterkonzessionsverträge auf ihren Internetseiten. Seit 2007 sind den Kommunen zum Netzbetrieb etwa 170 Konzessionen erteilt worden, die Quote der „Rekommunalisierung“ ist insgesamt aber ziemlich gering, sie liegt bei fünf Prozent.

          Der Dispatcher: Volker Borchers in der Netzleitzentrale der Stadtwerke

          Johannes van Bergen, der Geschäftsführer der Schwäbisch Haller Stadtwerke, sieht sich als Pionier der Rekommunalisierung. Der 63 Jahre alte Geschäftsführer stammt vom Niederrhein, man könnte ihn als wirtschaftsnahen Sozialdemokraten alter Schule bezeichnen. „Die meisten Politiker haben ja von Energiepolitik und Stromerzeugung keine Ahnung. Deshalb habe ich mir vor anderthalb Jahren einen Kölsch-Keller hier in Schwäbisch Hall gebaut, da lade ich die alle ein, damit sie wenigstens ein bisschen was von Energiepolitik verstehen.“ Van Bergen lacht. Er holt einen ganzen Stapel Computercharts aus dem Schreibtisch und bittet seine Sekretärin, weitere Hochglanzprospekte herbei zu bringen. Zu den Stadtwerken kommen fast wöchentlich Besuchergruppen, weil sie sich für das Hallesche Modell interessieren. Gerade war eine rumänische Reisegruppe da. Auf einer kleineren Grafik des Geschäftsführers steht „Querverbund ist die Zukunft“. Der Satz ist der Schlüssel für van Bergens Erfolg - Stromnetze, Wasser- und vor allem das Wärmenetz müssen in einer Hand sein, damit sich die Rekommunalisierung der Stromnetze wirtschaftlich lohnt. „Die Netze sind ein komplexes Geschäft, es gibt nur eine Grundrendite von drei Prozent nach Steuern, Sie brauchen also den Querverbund, Stromnetze allein sind uninteressant“, sagt van Bergen.

          Die Haller Stadtwerke haben vor vierzig Jahren Glück gehabt. Die großen Energieversorger hatten damals kein Interesse am Gasnetz, also blieb es bei dem kommunalen Betrieb. Später kam der Bau eines Fernwärmenetzes und von Blockheizkraftwerken hinzu. Davon profitieren die Stadtwerke heute: Der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen macht es erforderlich, Gas-Blockheizkraftwerke vorzuhalten, die man bei wenig Wind oder Regen innerhalb weniger Minuten hochfahren kann. Diese Kraftwerke lassen sich aber nur wirtschaftlich betreiben, wenn die Abwärme für ein Fernwärmenetz genutzt wird, das in Schwäbisch Hall vorhanden ist und anderen Stadtwerken fehlt.

          Schon bald einen Sponsor weniger

          Im Südwesten Schwäbisch Halls, in einem Gewerbegebiet, haben die Stadtwerke gerade für neun Millionen Euro ein neues Blockheizkraftwerk gebaut. Es hat 4400 Kilowatt-Leistung und ist mit einem Pufferspeicher ausgestattet. Ein großer Automobilzulieferer produziert gleich nebenan. „Sie können die Fernwärme mit einem gut ausgebauten Netz gut verteilen. Weil es aber auch Situationen gibt, in denen die Wärme nicht gebraucht wird, haben wir jetzt einen Pufferspeicher mit einem Volumen von 800.000 Litern gebaut“, sagt Steffen Hoffmann, Abteilungsleiter Energieerzeugung der Stadtwerke. Mit dieser Wärmespeicherung lässt sich Wärme tagsüber speichern und nachts an Krankenhäuser oder Pflegeheime abgeben. „Große Teile des Gewerbegebiets hat die Stadt zum Fernwärmevorranggebiet erklärt. Wenn eine alte Heizung mit fossilen Brennstoffen kaputt geht, dann sollten die Firmen sich ans Fernwärmenetz anschließen lassen“, sagt Hoffmann.

          Der Kampf um die Netzkonzessionen ist beinhart. Es wird mit allen Tricks und viel teuren Auftragsgutachten gearbeitet. Wenn Gemeinderäte sich für die Rekommunalisierung aussprechen, deuten die Lobbyisten der ENBW schon mal sanft an, dass der örtliche Fußballverein schon bald einen Sponsoren weniger haben könnte. „Für die ENBW-Regional AG sind die Netzentgelte wie eine Miete, das Geld kommt zuverlässig, 26 Prozent des Strompreises müssen für das Netz gezahlt werden“, sagt Paul Nemeth, energiepolitische Sprecher der CDU im Landtag. Einige Mitarbeiter von Stadtwerken schimpfen auch auf das „monopolitisch-arrogante Verhalten“ der ENBW. Die ENBW bewirbt sich in 41 Verfahren um die Neuvergabe der Netzkonzessionen und will drei Milliarden Euro in „den intelligenten AusAusbau“ der Netze investieren.

          Stadtwerke, Gemeinden und der „Verband kommunaler Unternehmer“ (VKU) werben für eine Übertragung der Konzessionen auf die Kommunen. Unterstützung bekommen sie von den Bürgerinitiativen, die immer noch glauben, mit der Herrschaft über die Netze endgültig die Vorherrschaft der großen Energieversorger brechen zu können. Die grün-rote Landesregierung in Stuttgart müsste eigentlich auf der Seite der Kommunen und der Bürgerinitiativen sein, aber sie ist ja Anteilseigner der ENBW. Ein Konzern, der gerade auf „grün“ und „nachhaltig“ umgestellt wird. Aus einer Stellungnahme des baden-württembergischen Umweltministeriums lässt sich eine leichte Distanzierung von einer flächendeckenden Kommunalisierung lesen: „Grundsätzlich spricht somit nichts gegen die Übernahme der Netze durch Kommunen und gegen die Gründung leistungsstarker und flexibler Stadtwerke, auch wenn eine zu kleinteilige Netzstruktur weder effizient noch optimal erscheint.“ Die SPD ist da offener, sie marschiert treu an der Seite der ENBW und warnt offen vor einer „Netzzersplitterung“. Und die Grünen in Stuttgart freunden sich gerade mit einem Modell an, bei dem die ENBW weiterhin Partner und Betreiber ist.

          Van Bergen liegt mit seiner Partei, der SPD, und auch anderen Oberbürgermeistern seit einiger Zeit im Clinch. Nachdem Claus Schmiedel, der SPD-Fraktionsvorsitzende, vor der Zersplitterung der Netze gewarnt hatte, gaben der „Verband kommunaler Unternehmer“ und sechs Stadtwerke, die große Fortschritte mit der Rekommunalisierung der Netze gemacht haben, ein Gegengutachten in Auftrag. Sie erinnerten auch daran, dass die „Regional AG“ der ENBW erhebliche Verluste gemacht und „abenteuerliche Durchschnittsgehälter in Höhe von 117.000 Euro“ gezahlt habe. Der Konzern wollte diese Zahlen nicht kommentieren.

          Wutentbrannt gewettert

          In dem Gutachten heißt es, die Warnung von der Netzzersplitterung, halte einer „näheren Überprüfung nicht stand“. „Auch die Feststellung, die ENBW sei durch den Anteilskauf des Landes automatisch ein attraktiver Partner bei der Energiewende geworden, entbehrt einer soliden Grundlage.“ Vielmehr würden die „fortschrittlichen Stadtwerke in Baden-Württemberg“ die Energiewende glaubwürdig verkörpern, schrieben die Energiewissenschaftler Uwe Leprich und Joachim Müller-Kirchenbauer. Sogar van Bergen gesteht ein, dass sich mit den Netzen nur eine „gewisse Grundlast“ an Gewinnen erreichen lasse. „Wenn ich kaputte Netze kaufe, kann ich damit auch nichts verdienen, wenn ich die Netze zu teuer kaufe und ich rechne die Instandhaltungskosten ein, kann es sein, das sie nichts wert sind“, sagt van Bergen. Stadtwerke, die weder über die nötigen Investitionsmittel noch Erfahrungen mit dem Netzbetrieb verfügen, können sich mit einer Übernahme der Konzession schnell überheben. Für Städte mit weniger als 30.000 Einwohnern lohnt sich die Übernahme des lokalen Stromnetzes ohnehin nicht.

          Schwäbisch Hall und Esslingen sind gerade mal siebzig Kilometer entfernt. Die Auffassungen, was man mit den Energienetzen tun sollte, unterscheiden sich fundamental. Der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger, wie sein Kollege in Schwäbisch Hall auch er ein Sozialdemokrat, warnt die Kommunen davor, sich mit den Rückkauf der Netze zu übernehmen. Wutentbrannt wetterte Zieger kürzlich gegen den kommunalen Größenwahn: „Die notwendigen Investitionen in die Netze werden in Zukunft stark steigen, und das wird manches Stadtwerk noch schwer belasten. Mit schönen Werbebildern von Photovoltaikanlagen ist es nicht getan. Diese Anlagen reichen nämlich nicht einmal aus, um das Pförtnerhäuschen von Daimler in Untertürkheim zu beleuchten.“

          Der Chef: Johannes van Bergen

          Ähnlich sieht es auch der CDU-Landtagsabgeordnete Paul Nemeth: „Das Risiko, heute ein Netz zu betreiben, ist höher als vor zehn Jahren, weil die erneuerbaren Energien große Investitionen erfordern.“ Für die Kommunen ist es nicht einfach, den Wert des Netzes zu ermitteln und sich einen Überblick über die „Entflechtungskosten“ zu machen. Risiken für die Kommunen bringt die Rekommunalisierung auch mit sich, weil es noch keine höchstrichterliche Rechtssprechung gibt und auch klare Verfahrensrichtlinien fehlen.

          Zu einer reservierten und eher warnenden Einschätzung kommt auch das Hamburger Beratungsunternehmen „Putz und Partner“, das die zehn wichtigsten Argumente für eine Rekommunalisierung der Netze untersucht hat und zu einem ziemlich vernichtenden Ergebnis kommt: „Die Erreichung eines nennenswerten positiven Effekts für die lokale Wertschöpfung durch die Rekommunalisierung des Verteilnetzes ist empirisch nicht belegbar und daher kaum zu erreichen“, heißt es in dem Gutachten. Das „Infrastrukturmanagement“ in den Städten könne sich verbessern, alle anderen Versprechungen, die Befürworter der Rekommunalisierung regelmäßig aufführten, würden sich nicht erfüllen: Wenn Stadtwerke lokale Netze betrieben, befeure das weder den Wettbewerb noch könnten die Städte damit Tafelsilber erwirtschaften.

          26.000 Unterschriften gesammelt

          Die Kommunen müssten die Gewinne zunächst für Tilgung der Kredite einsetzen. „Neben der zu Beginn stehenden schwierigen Ermittlung des endgültigen Preises für die Überlassung des Netzes, sind je nach Größe und Zustand des Netzes zum Teil erhebliche Investitionen notwendig“, schreiben die Gutachter. Ein unterschätztes Problem sei auch, dass der neue kommunale Konzessionär „nur Anlagen des Verteilnetzes übernimmt, aber nicht das für den Betrieb notwendige Personal mit entsprechendem Know-How“.

          In Stuttgart fordern eine Bürgerinitiative sowie die „Schönauer Stromrebellen“, die kommunalen Netze zu hundert Prozent in die Hand der 2012 neu gegründeten Stadtwerke zu geben. Doch die Stadt will sich zunächst für einen Kompromiss entscheiden: In der Betreibergesellschaft soll die ENBW weiterhin die Mehrheit haben, Mehrheitseigentümer sollen die Stadtwerke sein. Für die linke Mehrheit im Gemeinderat ist das eine Niederlage. Für eine komplette Kommunalisierung des Netzbetriebs sammelte eine Bürgerinitiative kürzlich 26.000 Unterschriften. Welche Beben von der „Stuttgarter Republik“ ausgehen können, hat man ja zuletzt im Konflikt um Stuttgart 21 gesehen.

          Weitere Themen

          Voller Energie

          Ausstellung im Technoseum : Voller Energie

          Das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim zeigt die Alltagsgeschichte der Energie. Es geht auch um das Smartphone.

          Bolsonaro legt Veto gegen Maskenpflicht ein Video-Seite öffnen

          Brasilien : Bolsonaro legt Veto gegen Maskenpflicht ein

          Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro hat sein Veto gegen eine vom Parlament beschlossene Maskenpflicht zur Eindämmung des Coronavirus eingelegt. Der Staatschef nutzte sein Vetorecht, um zwei Artikel aus einem Gesetz zu entfernen, die eine Mundschutzpflicht in Geschäften sowie in Kirchen vorsehen.

          Topmeldungen

          Ziemlich voll schon wieder: Strandkörbe stehen am Strand von Westerland.

          Bundesregierung rät : Besser gar nicht in den Urlaub fahren

          Übervolle Strände, wildes Campen und zahlreiche Ordnungswidrigkeiten: In Norddeutschland kämpfen Ferienorte und Sicherheitsdienste um die Einhaltung der Abstandsregeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.