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Krise des Konservatismus? : „Ein echter Konservativer weiß, dass alles immer schlechter wird“

  • -Aktualisiert am

Andreas Rödder, Historiker und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Bild: Patricia Kühfuss

Der Historiker Andreas Rödder im Interview über Flüchtlingspolitik ohne Extreme, den Unterschied zwischen konservativ und reaktionär – und warum der Konservative eigentlich immer in der Krise ist.

          6 Min.

          Herr Rödder, jammert der Konservative gerne?
          Der Deutsche jammert gerne, der Konservative eigentlich nicht. Ein echter Konservativer weiß, dass alles immer schlechter wird, aber dass es früher auch nicht besser war.

          Aber den Deutschen geht es ja gut: Wir haben endlich eine Regierung, eine niedrige Arbeitslosigkeit, auch die Kriminalität geht zurück. Warum geht die Politik auf das Krisengeschrei der AfD ein?
          Wir erleben in Deutschland eine Wiederbelebung des Politischen in der Auseinandersetzung um die besten Lösungen. Da gibt es eine zunehmend kämpferische SPD, wie sich bei der Wahl von Frau Nahles zur Parteichefin gezeigt hat. Auf der anderen Seite wird der Ruf nach konservativen Positionen lauter, die in den vergangenen Jahren deutlich zurückgedrängt worden sind.

          Was ist das überhaupt – konservativ?
          Konservativ ist etwas anderes als traditionalistisch oder reaktionär. In Deutschland herrscht eine ziemliche Begriffsverwirrung. Der Konservative weiß, dass der allgemeine Wandel nicht zu verhindern ist. Er will diesen Wandel gestalten. Der Traditionalist wünscht, dass alles so bleibt, wie es ist. Und der Reaktionär möchte das Rad zurückdrehen.

          Der Konservatismus hat sich in Opposition zur französischen Revolution entwickelt...
          …und zur Aufklärung mit ihrem rationalistischen Fortschrittsoptimismus.

          In der Weimarer Republik hat der Konservatismus dann die parlamentarische Demokratie bekämpft...
          Der Konservatismus kennt keine ewigen Wahrheiten. Im Gegenteil: Der Konservative verteidigt heute, was er gestern bekämpft hat, zum Beispiel die Demokratie. Das ist das konservative Paradox. Im selben Moment liegt darin aber auch der Kern von konservativer Menschenfreundlichkeit. Das Bewusstsein, dass das, was wir heute für richtig halten, morgen als falsch gelten kann, schützt Konservative vor rigorosem Dogmatismus.

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          Der Konservatismus befindet sich also beständig in Rückzugsgefechten?
          Ja. Besonders schön auf den Punkt gebracht hat das Lord Salisbury, englischer Premierminister im späten 19. Jahrhundert. Es geht darum, so hat er gesagt, den Wandel zu verzögern, bis er harmlos geworden ist. Da steckt sehr viel Weisheit dahinter.

          Aber dann ist die SPD ja eine konservative Partei. Schauen wir uns ihr Festhalten an der Braunkohle an: den Wandel verzögern, bis er harmlos ist…
          Wobei die SPD in Gefahr läuft, den Wandel bei der Braunkohle so lange zu verzögern, bis sie ihn verpasst hat. Konservatismus zeichnet sich vor allem durch drei Dinge aus: Erstens die Skepsis gegenüber ideologischer Selbstgewissheit, zweitens ein aristotelisches Denken, das von Alltagsvernunft und konkreter Erfahrung statt von abstrakten Theorien und Modellen ausgeht, und drittens einen Vorrang der Gesellschaft vor dem Staat. Dort liegt ein Unterschied zwischen sozialdemokratischem und konservativem Denken. Die SPD ist klassischerweise eine Partei, die stark auf das Handeln des Staates ausgerichtet ist. Das heißt aber nicht, dass konservative Denkformen nicht auch in allen möglichen Parteien vorkommen können.

          Salisburys Worte bedeuten doch, dass der Konservatismus in einer ständigen Krise ist...
          Ja und nein. Der Konservatismus ist ein Kind der Moderne. Er ist geboren aus dem Wandel, er kritisiert den radikalen Wandel, kann aber ohne ihn gar nicht existieren. Er entsteht ja nur als Reaktion darauf. Insofern ist Konservatismus immer in der Krise. Und eben deshalb würde ich den Konservatismus nicht in einer spezifischen Krise sehen.

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