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Seehofer vs. Söder : An die Bestecke!

  • -Aktualisiert am

Sprechen und sprechen lassen: Seehofer und Söder im Zwiegespräch Bild: dpa

Horst Seehofer und Markus Söder sprechen sich aus – wieder einmal. Ohne den Zwist zwischen Bayerns Ministerpräsidenten und seinem Finanzminister befände sich die CSU in einem sprachlichen Jammertal.

          Wo stünde die CSU, wenn sie Horst Seehofer und Markus Söder nicht hätte? Jedenfalls in einem sprachlichen Jammertal. Die herzliche Abneigung, die den bayerischen Ministerpräsidenten und seinen Finanzminister miteinander verbindet, bereichert die politische Prosa der Republik in einem preisverdächtigen Maße – auch wenn es noch ein wenig dauern dürfte, bis die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung über ihren Schatten springt und Seehofer den Georg-Büchner-Preis verleiht. Anders als der störrische Nobellaureat Bob Dylan ist Seehofer pflichtbewusst und wird die Verleihung nicht schwänzen.

          Schon seine herrliche Schöpfung der „Schmutzeleien“, die er Söder vor einigen Jahren an den Kopf warf, führte in ungeahnte Sprachhöhen. Doch Seehofer setzte am Wochenende bei einer weiteren rituellen Aussprache zwischen ihm und Söder – die Chronisten streiten, ob es die 38. oder die 39. war – noch nach: Die Aufgabe, eine Partei zusammenzuhalten und Führungskräfte zu motivieren, gehöre zum „intimsten Besteck“ eines Parteivorsitzenden. Wer hätte vermutet, dass Seehofer mit dem Zeremoniell an Königshöfen so vertraut ist, bei denen das Eindecken des Bestecks immer eine hochpolitische Frage ist – auf dass ein Vasall gar nicht in Versuchung geraten kann, sich der königlichen Gabel zu bemächtigen, vom Messer ganz zu schweigen.

          Eine hochsensible Partei

          Nun weiß in Bayern jeder ABC-Schütze, was Seehofer meint, wenn er davon spricht, die Partei zusammenzuhalten – nämlich Söder möglichst draußen zu halten im großen Nachfolgespiel. Seehofer bezeichnet eine solche Einschätzung zwar als „Märchen“. Aber niemand kann das Märchen schöner erzählen als er, wenn er raunt, der CSU-Vorsitzende müsse nach der Bundestagswahl ein Amt in Berlin wahrnehmen – und Söder das Rotkäppchen geben muss, das sich nur in München sicher wähnt. Es ist ein Märchen, das sich noch lange erzählen lässt, auch wenn es manche in der CSU als ein „Selbstgespräch“ Seehofers empfinden, was der wiederum als „Unverschämtheit“ empfindet.

          Die CSU ist eine hochsensible Partei, nicht nur in Besteckfragen. Allein die Entscheidung, wo sich Seehofer und Söder am Wochenende treffen sollten, erhitzte die Phantasien. Nahegelegen hätte der Landtag, schließlich sollte der CSU-Fraktionsvorsitzende Thomas Kreuzer an der Aussprache teilnehmen, dessen Allgäuer Brummbass immer besänftigend wirkt – es ist gleichsam der geborene Seehofer-Söder-Flüsterer. Ganz hätte bei dieser Ortswahl der Eindruck allerdings nicht vermieden werden können, hier sollten zwei Streithansel zur Ordnung gerufen werden: Das konnte nicht im Sinne Seehofers sein, der darauf bedacht sein muss, gegenüber Söder die Rangordnung zwischen Ober- und Unterhansel zu wahren.

          Die Staatskanzlei als Ort für Friedensgespräche – oder zumindest für Waffenstillstandsverhandlungen – erschien auch unpassend, schließlich geht es zwischen Seehofer und Söder um mehr als bloße Zwistigkeiten zwischen einem Regierungschef und einem Ressortminister in einer Fachfrage. Also fanden sich Seehofer, Söder und Kreuzer in der CSU-Parteizentrale ein; zu ihnen gesellten sich noch die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt, und Landtagspräsidentin Barbara Stamm – beide erprobt in innerparteilichen Friedenseinsätzen. Mit Hasselfeldt und Stamm konnte es nur „ein sehr gutes, ein sehr vernünftiges und sehr konstruktives Gespräch“ geben, wie Söder nach dem Gesprächsvollzug verkündete.

          Wie das zu verstehen war, ließ nicht lange auf sich warten. Während Seehofer die Bereitschaft der CDU-Vorsitzenden Angela Merkels, eine vierte Amtsperiode als Bundeskanzlerin anzustreben, staatsmännisch kühl kommentierte – „Es ist gut, dass jetzt Klarheit herrscht“ –, erwies sich Söder wieder einmal als medial versierter. Sein Satz, die Entscheidung Merkels werde in der CSU mit Respekt, aber „nicht automatisch mit Euphorie“ zur Kenntnis genommen, wurde in den Fernsehübertragungen der Ankündigung Merkels immer wieder eingeblendet – ganz so, als hätte Donald Trump sich zu Wort gemeldet. Es war wieder viel Söder und wenig Seehofer an diesem Abend.

          Es wäre auch zu überraschend gewesen, wenn Söder sich an Seehofers Besteckordnung gehalten und brav gesagt hätte, zu Merkel werde sich der Parteivorsitzende äußern. Zurückhaltung war Söders Sache noch nie, schon gar nicht, wenn das Tranchiermesser direkt vor ihm liegt. Elegant hat er den Brocken, den Seehofer ihm hingeworfen hat, aufgespießt. Wem immer im Wahljahr die Aufgabe zufallen wird, in der CSU ein Minimum an Euphorie für Merkel zu erzeugen – Söder will es nicht sein, auch wenn Seehofer noch so wild mit dem Besteck fuchtelt.

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