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Tellkamp-Debatte : In einem freien Land

  • -Aktualisiert am

Uwe Tellkamp hat die Meinungsfreiheit maximal genutzt und sich am Ende abermals darüber beschwert, dass seine Meinung „nur geduldet, aber nicht erwünscht“ sei Bild: Paul Englert

Nach der Kritik an Uwe Tellkamp kocht die Empörung über: Von einem Schreib- und Berufsverbot für den Dichter sprechen manche, von einer „verbalen Bücherverbrennung“. Was für ein Unsinn. Die historische Analogie ist infam.

          Es ist erschütternd, wie leichtfertig heute Leute klagend von „Diktatur“ reden, die nie unter einer zu leben hatten. Geradezu befremdlich wirkt diese Klage bei jenen, deren Erfahrung mit einer Diktatur noch nicht lange her ist. Wie bei Uwe Tellkamp, der in seinem Roman „Der Turm“ die Folgen der Meinungsunfreiheit anschaulich beschrieben hat und der jetzt, im Deutschland des Jahres 2018, von „Gesinnungsdiktatur“ spricht. Das ist so absurd, dass es eigentlich keiner weiteren Diskussion bedürfte, doch genau eine solche wird seit Tagen geführt. Ein Anlass dafür ist die peinliche und kleinmütige Reaktion des Suhrkampverlags auf Äußerungen Tellkamps bei einer Debatte in Dresden, wobei offenbar schon der Ort die Suhrkamp-Twitterer vorsorglich zur Distanzierung von ihrem Schriftsteller verleitete: Die Haltung von Autoren sei nicht mit der des Verlags zu verwechseln.

          Die gute Nachricht ist: Man muss dieser Distanzierung, die ein Fehler des Verlags sein mag, aber keiner des „Systems“ ist, nicht folgen. Man kann sie kritisieren oder ignorieren. Stattdessen kocht die Empörung über: Man dürfe Tellkamps Bücher nicht mehr lesen, heißt es jetzt in Leserbriefen und vor allem in den sozialen Medien, von Schreib- und Berufsverbot für den Dichter ist die Rede, sogar von „verbaler Bücherverbrennung“. Das klingt so, als wünschten jene, die solchen Unsinn verbreiten, sich das geradezu herbei. Tellkamp selbst hat an jenem Abend vor tausend Zuhörern darüber gesprochen, was ihn bewege und ängstige; er hat dafür Applaus bekommen, seine Worte wurden landesweit verbreitet. Der Autor hat die Meinungsfreiheit maximal genutzt und sich am Ende abermals darüber beschwert, dass seine Meinung „nur geduldet, aber nicht erwünscht“ sei.

          Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft ist das Recht eines jeden, sich im Rahmen der Gesetze in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern. Sie beinhaltet jedoch keine Pflicht, einer Meinung zu folgen oder ihr nicht zu widersprechen. Das ist der Trugschluss, der auf der ganz linken und der ganz rechten Seite des Meinungsspektrums zu finden ist, nämlich der Meinungsfreiheit und damit auch der Freiheit zum Widerspruch mit Sprechverboten begegnen zu wollen oder Kritik daran mit Zensur und Diktatur zu verwechseln. Unsere Gesellschaft hält viele Meinungen aus; über vieles kann diskutiert werden und wird auch debattiert, nicht zuletzt besonders intensiv. Wer mit seinen Ansichten aber keine Mehrheit erreicht, sollte nicht über „Meinungsunfreiheit“ jammern, sondern muss das aushalten.

          Geradezu infam wird das Gerede von der Gesinnungsdiktatur, wenn es sich auf die Geschichte beruft. Die „Charta 2017“, die Tellkamp nach den Tumulten auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst als einer der Ersten unterzeichnet hat, ist eine einzige Anmaßung – vor allem, weil sie sich in die Tradition der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ stellt. Unter diesem Namen schlossen sich Ende der siebziger Jahre gut zweitausend Menschen zusammen, darunter Václav Havel, um für Dialog und Meinungsfreiheit und gegen Menschenrechtsverletzungen zu demonstrieren. Das Regime verleumdete die Unterzeichner; es bürgerte Hunderte aus, trieb sie in die gesellschaftliche Isolation, belegte sie mit Berufsverbot, warf viele ins Gefängnis – und folterte einen ihrer Sprecher, den Philosophen Jan Patočka, zu Tode.

          Die Meinungsfreiheit ist nicht in Gefahr

          Von alldem kann in Deutschland nicht die Rede sein, auch den Ausstellern „rechter“ Verlage auf der Buchmesse ist nichts dergleichen widerfahren. Die gewalttätigen Angriffe auf einige Aussteller, auch auf „unliebsame“ Autoren, angezündete Autos oder beschmierte Veranstaltungsorte sind gleichwohl keine Kollateralschäden, die in Kauf zu nehmen wären, im Gegenteil: Es sind Straftaten, die vom Rechtsstaat konsequent verfolgt werden. Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland nicht in Gefahr. Vielmehr entsteht eine lebendige Debatte gerade dadurch, dass auf kräftige Meinungen kräftig verbal reagiert wird, dass sie angegriffen, überprüft, widerlegt, verteidigt, bestätigt und auch mal verspottet werden.

          Darauf hinzuweisen wäre auch die Aufgabe von Politikern. Stattdessen beklagt etwa Sachsens Ministerpräsident via Twitter eine angebliche „Stigmatisierung“ Tellkamps. Das ist so falsch wie leicht zu durchschauen: Michael Kretschmer, der sonst zu Recht stets an das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen appelliert, solidarisiert sich aus parteipolitischen Gründen mit einem Schriftsteller, dem sein ostdeutsches Selbstbewusstsein an jenem Diskussionsabend offenbar abhandengekommen war und der stattdessen in der Opferrolle verharrte. Daraufhin applaudieren Kretschmer nun kräftig jene, die ihn bisher als „Volksverräter“ schmähten.

          Der Dresdner Erich Kästner hat dazu schon vor hundert Jahren unter den Stichworten „sinken“, „Kakao“ und „trinken“ alles gesagt. Tellkamp wiederum muss nun tatsächlich mit einem „Stigma“ leben: Er wurde von einem Politiker vor einer für diesen zweifellos schwierigen Landtagswahl instrumentalisiert. Vielleicht erleben wir im nächsten Akt, wie sich der Schriftsteller öffentlich von dem Politiker distanziert. So viel Freiheit bietet nicht mal die schönste Diktatur.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

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