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Neiddebatte : Der deutsche Gleichheitswahn beim Impfen

In welcher Reihenfolge? Bild: dpa

Vordrängeln als Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Nun, da alle als systemrelevant gelten, stellen sich erst recht Gerechtigkeitsfragen.

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          So holzschnittartig ein Lockdown wirkt, so ungerecht können auch eine stufenweise Öffnung und eine Impfkampagne erscheinen. Das galt freilich nicht für die Gruppe der Alten und besonders Gefährdeten – hier war kaum Missgunst festzustellen, wohl weil diese Einstufung einleuchtete: Das (Todes-)Risiko ist bei Älteren deutlich höher und das Alter eindeutig feststellbar. Andere Länder haben durchaus andere Prioritäten gesetzt: die Jungen zuerst, das medizinische Personal oder die Bewohner von Inseln, die möglichst schnell wieder für den Tourismus geöffnet werden sollten.

          Hierzulande galt in der Öffentlichkeit vor allem das „Vordrängeln“ durch Amtsträger geradezu als Verbrechen gegen die Menschlichkeit – und die Bundeskanzlerin als Vorbild, weil sie sich brav in die Impfreihe stellte. Der guten Ordnung halber – und doch kommt hier der deutsche Gleichheitswahn zum Ausdruck, der natürlich immer nur für die anderen gilt. Man könnte ja durchaus auch erwägen, den wichtigsten Funktionsträger zuerst zu impfen, das Wohl des Piloten voranzustellen; oder ist das Amt doch nicht so bedeutsam?

          Nun, da alle möglichen Berufe als systemrelevant gelten und sich zeigt, dass auch Ärzte die Ethik nicht gepachtet haben, stellen sich erst recht Gerechtigkeits- und Neidfragen. Aber da es momentan nicht an Impfstoff mangelt, hoffentlich nur für einige Wochen. Noch immer sind nicht alle alten Menschen geimpft. Eine Lehre ist: Raster müssen sein. Sonst wäre das Geschrei erst recht groß.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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