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Kommentar zu Schulen in Hessen : Note in Not

In Hessen sind künftig keine Noten mehr notwendig. Bild: dpa

Gegen ausführliche Beurteilung und kreative Konzepte ist nichts einzuwenden. Aber pseudopädagogisches Herumgerede, das sich um notwendige Aussagen zum Leistungsstand herumdrückt, dient den Kindern nicht.

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          Kein Mensch kann durch Noten erfasst werden. Und auch konkrete Leistungen spiegeln sich naturgemäß in einer Ziffer nur bedingt wider. Schulnoten sind eine Krücke – die aber notwendig ist, um zu bewerten und zu gewichten. Sie sind deshalb stets auch ideologischer Zankapfel gewesen, wie der schwarz-grüne Koalitionsvertrag in Hessen wieder einmal zeigt. Die Grünen sehen in der Abschaffung von Noten einen zivilisatorischen Fortschritt, die Union fürchtete einst den Untergang des Abendlandes. Doch das war einmal. Die Koalition will nun vermehrt Schulen die Möglichkeit geben, auf Noten zu verzichten. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die CDU nicht zuletzt wegen der verkorksten sozialdemokratischen Bildungspolitik überhaupt in Hessen an die Macht kam.

          Einstweilen ist dieses Experiment begrenzt; im Fall von Schulwechseln soll es weiterhin ein Zeugnis mit Ziffern geben. Und überhaupt: Die schriftlichen Bewertungen, die anstelle von Noten möglich sind, stellen natürlich auch Leistungsnachweise dar, die – ihrer freundlichen Einhüllung, wie man sie aus Arbeitszeugnissen kennt, entkleidet – ebenfalls harte Aussagen treffen können. Doch steckt hinter der Debatte ein grundlegender Streit über das Menschenbild. Alle Menschen sind vor dem Gesetze gleich. Sie sind aber nicht gleich. Auch Schüler sind es nicht. Das heißt gerade nicht, dass sie sich nicht ändern (können). Genau das zeigt sich an Noten. Mit tatsächlichen oder vermeintlichen Ungerechtigkeiten in der Beurteilung von Leistungen zu leben, auch das lehrt die Schule – bisweilen müssen dabei die Eltern mehr dazulernen als die Schüler.

          Gegen eine ausführliche Beurteilung und kreative Konzepte ist nichts einzuwenden. Das ist geradezu Pflicht des Staats, der eine Schulpflicht kennt und durchsetzt. Aber pseudopädagogisches Herumgerede, das sich um notwendige Aussagen zum Leistungsstand herumdrückt, dient den Kindern nicht. Richtig bleibt aber auch: Wer aus guten Gründen Noten gibt, darf sie nicht zum Fetisch machen. Der Spruch „Aus Dir wird nichts“ ist ohnehin unsäglich; erst recht, wenn er sich auf eine Ziffer beruft. Die Kinder sollten auch lernen, ihr Selbstwertgefühl nicht von Noten abhängig zu machen. Und nicht nur sie. Arbeitgeber, die sich nach Jahrzehnten noch an (Schul-)Noten von Bewerbern festbeißen, sind kaum ernstzunehmen – und selbst irgendwo sitzengeblieben.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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