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Corona-Infektion : Patient Trump

  • -Aktualisiert am

Der amerikanische Patient: Donald Trump in Quarantäne im Walter Reed National Military Medical Center Bild: Reuters

Selbst mit ständigen Corona-Tests war es nicht möglich, Amerikas politische Führung vom Infektionsgeschehen abzuschirmen. Die potentielle Staatskrise zeigt eindrücklich, wie wichtig es ist, die Pandemie in den Griff zu bekommen.

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          Im Fall eines schweren Verlaufs ist Covid-19 bekanntlich eine fürchterliche, lebensbedrohliche Krankheit. Deswegen war es richtig, dass führende Politiker in aller Welt, nicht zuletzt Donald Trumps Herausforderer Joe Biden, dem Präsidenten alles Gute und eine rasche Genesung gewünscht haben. Bei allen politischen Differenzen, auch im Umgang mit Corona, ist das ein Gebot der guten Sitten und der Menschlichkeit. Dass in den sozialen Netzwerken viele an dieser Charakterprüfung scheitern würden, war zu erwarten. Allerdings fragt man sich schon, warum eine bekannte Fridays-for-Future-Aktivistin hierzulande als Verkörperung des Weltgewissens akzeptiert ist, wenn sie die Nachricht von Trumps Ansteckung mit der Bemerkung aufnimmt: „Und weltweit zucken Mundwinkel.“

          Die Erkrankung des Präsidenten macht einen ohnehin schon komplizierten Wahlkampf noch komplizierter. Nicht für jede denkbare medizinische Wendung, die in den nächsten Tagen und Wochen eintreten könnte, gibt es Regelungen, mit denen die Wahlen reibungslos über die Bühne gebracht werden könnten. Im schlimmsten Fall, wenn Trump stirbt, würden schwierige juristische und prozedurale Fragen aufgeworfen. Dass Amerikas Politiker nach langen Jahren des weltanschaulichen Kulturkampfes dann rasch zu einer einvernehmlichen Lösung finden würden, ist unwahrscheinlich. Corona hat Amerika in eine schwere Krise gestürzt, aber erst mit der Infektion des Präsidenten wird sie zur potentiellen Staatskrise.

          Lektionen für den Rest der Welt

          Kann der Rest der Welt daraus etwas lernen? Die parlamentarischen Regierungssysteme, die zumindest in Europas Demokratien überwiegen, sind tendenziell besser geeignet, um mit einer schweren Erkrankung des Regierungschefs fertig zu werden. Hier werden in erster Linie Parteien gewählt, die im Zweifelsfall andere Kandidaten aufbieten können.

          Aber natürlich zeigt das Beispiel noch einmal eindrücklich, wie wichtig es ist, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Eines weiß man nun mit Gewissheit: Selbst mit den ständigen Tests im Weißen Haus war es nicht möglich, die politische Führung vom Infektionsgeschehen in der breiten Bevölkerung abzuschirmen.

          Nikolas Busse
          Verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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