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Kommentar : Selbst ist die Frau

Zustimmung: Der Bundestag beschloss am Freitag die Einführung einer Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten von Großunternehmen. Bild: dpa

Der Staat erzwingt mit der Frauenquote, was Wirtschaft und Gesellschaft auch ohne Zwang schon tun. Frauen werden jetzt aber über Frauen sagen: Die haben es nötig - hohes Einkommen und dann auch noch die Quote!

          Selbst das Freiheitsgefühl von Rosa Luxemburg war so ausgeprägt, dass ihr nicht in den Sinn gekommen wäre, eine Zwangsquote als größten Fortschritt seit der Einführung des Frauenwahlrechts zu bezeichnen. Da sind die SPD und auch das wendige Ursula-von-der-Leyen-Deutschland ganz anders. Die „historische Leistung“ der Frauenquote feiern sie, als werde die Frau erst jetzt befreit. Eine Quote ist aber etwas anderes als ein Recht. Das eine macht zum Objekt, das andere zum Subjekt.

          So kann nur ein Mann argumentieren, wird es jetzt heißen, denn er weiß nicht, wie das ist, wenn man ein Recht hat, das man aber aus gesellschaftlichen Gründen (Männer! Kinder!) gar nicht wahrnehmen kann (gläserne Decke!). Aber wird die Quote dazu führen, dass das angebliche Machogehabe in deutschen Aufsichtsräten aufhört? Dass Karrieren für Frauen wirklich einfacher werden? Dass endlich mehr Frauen Frauen fördern können - und damit denselben Fehler machen sollen wie Männer, die vorzugsweise Männer fördern? Die Erfahrungen in Norwegen, dem Land mit der ältesten Frauenquote in Europa, sagen: Alles Mumpitz. Oder sagen wir: Es kommt immer anders als man denkt. Norwegens Nachbarländer erreichten dieselben Ziele jedenfalls schneller ohne Zwang und ohne Quote.

          Dennoch oder gerade deshalb muss man sagen, dass die Quotenpolitik sich noch einmal rechtzeitig durchgesetzt hat. Sonst hätte sie erlebt, dass so oder so kommt, was sie erzwingen will. Frauen werden, schon weil der Fachkräftemangel nicht einfach per Einwanderung ausgeglichen werden kann, mehr arbeiten müssen, als ihnen vielleicht lieb ist. Die Ironie der Quote besteht darin, dass sie den Eindruck verhindert, ihren Aufstieg hätten sich die betroffenen Frauen selbst zu verdanken.

          Die exklusive Quote für die obersten Etagen der deutschen Wirtschaft wird außerdem „ganz unten“ dazu führen, dass Frauen über Frauen denken: Die haben es nötig - gutes Einkommen und dann auch noch die Quote! Vor dieser Frage zittert schon jetzt der deutsche Mittelstand. Denn auch ihn könnte die Zwangsbeglückung deshalb noch heimsuchen. Aber vielleicht gelingt es Männern und Frauen, einfach schneller zu sein. Oder den Männern, zu Hause zu bleiben, auf das Erwerbsleben zu verzichten (selbst ist die Frau!) und für den „Fortschritt“ zu kämpfen: die Kinderquote - die größte Revolution seit Einführung des Wahlrechts.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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