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Deutsche Einheit : Mut, der Zäune überwindet

Die Deutschen, die in Prag nach der Einheit riefen, hatten Mut. Bild: dpa

Europa ist nicht das Paradies geworden, von dem viele Bürger geträumt hatten, sondern ungemütlich und voller neuer Unsicherheiten. Doch den Kopf in den Sand zu stecken ist keine taugliche Strategie für die Zukunft – es braucht Mut.

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          Hans-Dietrich Genscher konnte seinen berühmten Satz vom Balkon der deutschen Botschaft in Prag nicht zu Ende sprechen. Er ging unter im Jubel der Deutschen aus der DDR, die wochenlang auf dem Botschaftsgelände ausgeharrt hatten. „Wenn es einen Schrei nach Freiheit gab, dann hat man ihn da gehört“, hat der gegenwärtige Außenminister Maas das Ereignis vom Frühherbst 1989 gewürdigt. Schrei nach Freiheit – das ist eine schöne Metapher; sie ist deshalb besonders schön, weil der Schrei erhört wurde.

          Anderen, die in jenem Schicksalsjahr nach Freiheit und Demokratie riefen, war dieses Glück nicht vergönnt gewesen. Knapp vier Monate vor der Prager Balkonszene wurde in Peking die chinesische Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen. Der Ruf nach Freiheit der zumeist studentischen Demonstranten wurde in einem Massaker erstickt. Die kommunistischen Machthaber, die am Dienstag mit einer Militärparade den siebzigsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik feiern ließen, dachten nicht daran, Zugeständnisse zu machen und Teilhabe zu erlauben. Das Land, das Weltmacht werden will, den Vereinigten Staaten in jeder Hinsicht ebenbürtig, steht wie eh und je unter strenger Kontrolle der Kommunistischen Partei.

          Die Deutschen und die Mittel-, Nordost- und Südosteuropäer, die sich in den Wendejahren von kommunistischer Unterdrückung befreiten, haben allen Grund, dankbar und stolz auf das Erreichte zu sein. Das Motiv, das nach dem Fall der Mauer auch mehrere amerikanische Regierungen leitete – auf ein Europa hinzuarbeiten, das geeint ist, frei und im Frieden mit sich selbst –, ist heute weitgehend Wirklichkeit. Nicht überall, nicht ohne Rückschläge und ohne Krisen, aber doch auf einem Wohlstands- und Freiheitsniveau, das es in der europäischen Geschichte so und in der Breite noch nicht gegeben hat.

          Das Ende der Bequemlichkeit

          Und doch gibt es heute allenthalben viel Verdruss und Frustration; die Vergangenheit wird verklärt, das alte Regime erscheint nicht wenigen als weit weniger schlimm, als es tatsächlich war. Dagegen wird das Leben in der freiheitlichen Demokratie als Zumutung empfunden. Es stimmt: Seit der Wiedervereinigung Deutschlands und der „Rückkehr“ seiner östlichen Nachbarn nach Europa ist die Welt, im Kleinen wie im Großen, nicht jenes Paradies geworden, von dem viele Bürger geträumt hatten. Sie ist ungemütlich, voller neuer Unsicherheiten und Unberechenbarkeiten. Westliche Gesellschaften werden heute von außen herausgefordert. Mit dem Tempo des Wandels können viele Menschen nicht mithalten; das Wertefundament, in das die demokratische Regierungsform eingebettet ist, wird in Zweifel gezogen. Zulauf hat der Nationalismus, die politische Form der Sehnsucht nach der guten alten Zeit.

          Doch diese alte Zeit war weiß Gott nicht so gut, wie jetzt behauptet wird. Das gilt für Deutschland, Europa und die Welt. Was soll am Kalten Krieg gut gewesen sein? Dass er übersichtlich war, scheinbar stabil? Ja, heute ist vieles im Fluss, und gerade die Deutschen erleben mit besonderer Wucht das Ende der Bequemlichkeit. Es ist nicht zuletzt an ihnen, um die sich in der Vergangenheit in Europa so viel gedreht hat, dass die Europäer auch künftig in Freiheit geeint gut leben können.

          Nicht jedem mag das gefallen. Aber den Kopf in den Sand zu stecken ist keine taugliche Strategie für die Zukunft. Die Deutschen, die in Prag nach Freiheit riefen, hatten Mut. Daran sollten wir uns gelegentlich erinnern. Mut, nicht Verdrossenheit, kann Zäune überwinden und Mauern zum Einsturz bringen. Und Freiheit erringen.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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